Was ist Empathie in der GFK?

Empathie bedeutet in der GFK, deine Aufmerksamkeit vollständig auf das zu richten, was in einem anderen Menschen gerade lebendig ist: auf seine Gefühle und Bedürfnisse. Du bewertest nicht, du tröstest nicht, du berätst nicht, du bleibst bei ihm. Empathie richtet sich damit weniger auf den Inhalt eines Satzes als auf das, was hinter dem Satz lebt. Sie ist keine Technik, eher eine Richtung der Aufmerksamkeit, und sie lässt sich üben.

Das Wort selbst ist inzwischen so strapaziert, dass es fast alles heißen kann, von „nett sein“ bis „Menschenkenntnis“. In der GFK ist es enger und praktischer gemeint, und am leichtesten versteht man es über die Abgrenzung zu seinen beiden häufigsten Verwechslungen.

Empathie, Mitleid, Ratschlag: drei verschiedene Bewegungen

Mitleid schaut auf den anderen und fühlt das Eigene: „Oh nein, wie furchtbar, das könnte ich ja nicht ertragen.“ Die Aufmerksamkeit ist bei deinem eigenen Erschrecken gelandet, der andere ist Anlass. Ein Ratschlag springt in die Zukunft: „Dann musst du eben früher Bescheid sagen.“ Die Aufmerksamkeit ist bei deiner Lösung. Empathie bleibt beim anderen und im Moment: „Bist du gerade eher wütend oder eher erschöpft?“ Nichts davon ist böse, Mitleid und Rat haben ihre Orte. Nur ersetzen sie kein Gehörtwerden, und genau das fehlt Menschen in schwierigen Momenten am häufigsten.

Was Empathie verhindert: die zwölf Kommunikationssperren

Der Psychologe Thomas Gordon hat zwölf Reaktionsweisen beschrieben, die Gespräche zuverlässig von den Gefühlen wegführen. Als Checkliste, jeweils mit dem Klassiker-Satz:

  1. Befehlen: „Jetzt beruhig dich erstmal.“
  2. Warnen, drohen: „Wenn du so weitermachst, brauchst du dich nicht zu wundern.“
  3. Moralisieren: „Man sollte über sowas wirklich nicht so lange grübeln.“
  4. Ratschläge geben: „Du müsstest einfach mal…“
  5. Belehren, argumentieren: „Rein objektiv gesehen ist doch gar nichts passiert.“
  6. Urteilen, kritisieren: „Da bist du aber auch selbst schuld.“
  7. Loben, schmeicheln: „Du bist doch sonst so stark.“
  8. Beschämen, etikettieren: „Stell dich nicht so an.“
  9. Diagnostizieren, interpretieren: „Du bist nur gekränkt, weil das an deine Kindheit rührt.“
  10. Trösten, beschwichtigen: „Das wird schon wieder.“
  11. Nachforschen, verhören: „Wann genau war das? Und was hast du dann gesagt?“
  12. Ablenken, witzeln: „Komm, wir trinken erstmal was.“

Das Irritierende an dieser Liste: Loben und Trösten stehen auch drauf. Was die zwölf verbindet, ist nämlich keine Bosheit. Jede dieser Reaktionen zieht die Aufmerksamkeit vom Erleben des anderen weg, hin zu deinem Urteil, deiner Lösung, deiner Beruhigung. Die zwölf zuverlässigsten Arten, ein Gespräch zu beenden, sind fast alle höflich.

Wolfs-Ohr und Giraffen-Ohr: die Richtung des Zuhörens

In der GFK gibt es für die Hör-Haltung zwei Bilder. Das Wolfs-Ohr hört in allem einen Angriff und arbeitet nach dem Motto: „Während du redest, sammle ich Stoff für einen Gegenangriff.“ Das Giraffen-Ohr hört dieselben Worte mit einer anderen inneren Ausrichtung: „Ich bin aufrichtig daran interessiert zu erfahren, wie es dir geht, was du fühlst, was du brauchst.“

Beide Ohren lassen sich nach außen und nach innen richten, daraus entstehen die vier Reaktionsmuster auf einen Vorwurf: Gegenangriff, Selbstvorwurf, Empathie für den anderen, Empathie für dich selbst. Ausführlich stehen die vier Richtungen im Artikel über Selbstempathie; fürs Erste reicht die Beobachtung, dass die Wahl des Ohres darüber entscheidet, ob aus einem Vorwurf ein Schlagabtausch wird oder ein Gespräch.

Empathie heißt nicht zustimmen

Das hartnäckigste Missverständnis zuerst: Empathie heißt nicht, dass du dir jeden Vorwurf geduldig reinziehst. Verstehen und einverstanden sein sind zwei verschiedene Vorgänge. Du kannst vollständig hören, dass deine Kollegin wütend ist und sich Verlässlichkeit wünscht, und danach trotzdem klar sagen, dass du die Aufgabe nicht übernimmst. Empathie geht der Klarheit voraus, sie ersetzt sie nicht.

Und Empathie hat Grenzen in dir: An Tagen, an denen du selbst leer bist, wird aus gespielter Zuwendung ein Giraffen-Kostüm, und dein Gegenüber merkt das. Dann ist „Ich kann dir gerade nicht zuhören, ich bin selbst am Anschlag“ die empathischere Antwort, weil sie ehrlich ist.

Selbstempathie: die Voraussetzung

Wer sich selbst nicht zuhört, hat für andere keine Kapazität. Deshalb beginnt Empathie in der GFK innen: kurz wahrnehmen, was der Vorwurf oder die Erzählung bei dir auslöst, das eigene Gefühl und Bedürfnis anerkennen, und erst dann zum anderen gehen. Das dauert manchmal nur einen Atemzug, und es ist der Unterschied zwischen Zuhören und Abwarten, bis du dran bist.

Mini-Übung: die Verbindungsbitte

Wenn du Empathie in einem einzigen Werkzeug üben willst, nimm die Verbindungsbitte: „Habe ich richtig verstanden, dass dir… wichtig ist?“ Du gibst zurück, was du hinter den Worten vermutest, als Frage, nicht als Diagnose. Liegst du richtig, geht das Tempo aus dem Gespräch, oft kommt ein gedehntes „Ja, genau“. Liegst du daneben, korrigiert dich die Person, und ihr seid dem eigentlichen Thema einen Schritt näher. Falsch liegen ist bei dieser Übung ausdrücklich Teil des Plans.

Häufige Fragen zur Empathie in der GFK

Ist Empathie erlernbar?

Ja. Empathie ist in der GFK nichts, was man hat oder eben nicht hat; du übst, wohin deine Aufmerksamkeit geht. Am schnellsten lernst du das in kleinen, unaufgeregten Gesprächen, in denen du eine der Sperren weglässt und stattdessen einmal spiegelst.

Was ist der Unterschied zwischen Empathie und Mitgefühl?

Mitgefühl ist dein Gefühl angesichts der Lage eines anderen, es passiert in dir. Empathie bleibt beim Erleben des anderen und versucht, es zu verstehen, bevor irgendetwas Eigenes kommt. Beides hat seinen Platz, nur beantwortet Mitgefühl noch nicht die Frage, worum es dem anderen gerade geht.

Warum ist Empathie in der GFK so zentral?

Weil Verbindung vor Lösung kommt. Solange ein Mensch sich nicht gehört fühlt, verhandelt er jede Lösung wie einen Angriff. Nach einem Moment echter Empathie entspannen sich die meisten Gespräche von selbst, und Lösungen, die vorher unmöglich schienen, werden besprechbar.

Empathie ist am Ende unspektakulärer, als ihr Ruf vermuten lässt. Sie ist die Entscheidung, das eigene Kommentarbedürfnis ein paar Minuten warten zu lassen und solange wirklich da zu bleiben. Öfter, als man denkt, ist das schon alles, was fehlte.

Flipchart: empathisch zuhören, Haltung und hilfreiche Impulse

Zum Weiterlesen

Wenn du Empathie vom Verstehen ins Tun bringen willst, ist Wie höre ich empathisch zu? der nächste Artikel, dort stehen die vier Schritte ausführlich. Die Innenseite derselben Bewegung beschreibt der Text über Selbstempathie. Wer beim Vermuten von Gefühlen und Bedürfnissen noch nach Worten sucht, findet sie in Gefühle benennen und im Artikel über Bedürfnisse in der GFK. Und falls du das ganze Modell dahinter kennenlernen willst: Was ist Gewaltfreie Kommunikation nach Rosenberg?

Empathie liest sich leichter, als sie sich anfühlt. Wenn du sie einmal live erleben willst, mit echten Sätzen statt Beispielen: Dafür gibt es unser kostenloses GFK Erlebnis-Webinar (90 Minuten).

Markus Castro, CNVC-zertifizierter Trainer für Gewaltfreie Kommunikation, Impact Institut

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