Empathie ist trainierbar, und zwar am besten an unspektakulären Alltagssituationen: an der Supermarktkasse, im Meeting, beim Abendessen. Wer erst im großen Streit übt, übt zu spät, denn unter Stress fällst du auf deine alten Muster zurück. Hier sind fünf Übungen aus unserer Seminarpraxis, aufsteigend sortiert: Die ersten kannst du heimlich machen, für die letzten brauchst du ein Gegenüber.
Übung 1: Still mitvermuten
Die Einstiegsübung, für die niemand dein Einverständnis braucht, nicht mal dein Gegenüber. Such dir eine Alltagssituation, in der jemand redet, der Kollege im Meeting, die genervte Person an der Kasse, deine Schwester am Telefon. Deine Aufgabe: Vermute still für dich, was die Person gerade fühlt und was ihr wichtig sein könnte. Der Kollege, der zum dritten Mal das Protokollthema aufbringt, will vielleicht einfach sicher sein, dass sein Einwand ernst genommen wurde. Du sagst nichts, du prüfst nichts, du übst nur den Blickwechsel von „Was stimmt mit dem nicht?“ zu „Worum geht es dem gerade?“. Hinter jeder Aussage und jedem Verhalten stehen Bedürfnisse, diese Übung trainiert, sie zu suchen, bevor du urteilst.
Übung 2: Doppelt so lange schweigen
Die unscheinbarste und wirksamste Übung auf dieser Liste. Wenn dir jemand etwas erzählt, das ihn beschäftigt, halte die Pause aus, bevor du antwortest, und zwar nach unserer Faustregel doppelt so lange, wie du es normalerweise tun würdest. Innerlich zählen ist erlaubt. Menschen nutzen diese Pausen, um weiterzureden, und was nach der Pause kommt, ist fast immer näher am eigentlichen Thema als der erste Anlauf. Du wirst merken, wie stark der Drang ist, die Stille mit einem Ratschlag oder einer eigenen Geschichte zu füllen. Genau dieser Drang ist es, den du hier trainierst auszuhalten.
Übung 3: Urteile ins Positive drehen
Diese Übung machen wir am Ende unserer Grundlagenseminare, sie funktioniert aber auch allein. Nimm ein Urteil, deins über jemanden oder eins, das dir jemand entgegengeschleudert hat, und dreh es ins Positive: Was wäre erfüllt, wenn es anders wäre? „Er ist so ein Kontrollfreak“ wird zu: Ihm ist vermutlich Sicherheit wichtig, oder Verlässlichkeit. „Die ist total chaotisch“ wird zu: Mir ist Ordnung und Planbarkeit wichtig, und ihr vielleicht Freiheit und Spontaneität. Aus jeder moralischen Bewertung lässt sich so eine erste Vermutung gewinnen, worum es eigentlich geht. Das Urteil ist der Rohstoff, kein Hindernis.
Übung 4: Die Blaulicht-Frage
Der häufigste Empathie-Unfall ist gut gemeint: Jemand erzählt dir sein Problem, und du rückst mit Lösungen an wie ein Rettungswagen, dabei wollte die Person gar nicht gerettet werden. Die Übung dagegen ist eine einzige Frage, gestellt bevor du hilfst: „Willst du Ideen hören, oder willst du einfach mal erzählen?“ In unseren Trainings läuft sie unter Blaulicht oder Rotwein, also Einsatzmodus oder Beistandsmodus. Stell die Frage eine Woche lang jedes Mal, bevor du einen Ratschlag gibst. Die Antworten werden dich überraschen, und die Gespräche werden kürzer und besser zugleich.
Übung 5: Das Abend-Protokoll
Zum Abschluss die Übung mit Langzeitwirkung. Nimm dir abends eine einzige Situation des Tages vor, in der ein Mensch dich beschäftigt hat, positiv oder negativ. Beantworte schriftlich zwei Fragen: Was hat die Person vermutlich gefühlt? Und was war ihr wichtig? Zwei Sätze reichen, es geht um die Wiederholung. Nach zwei, drei Wochen passiert das, wofür die Übung gebaut ist: Die Fragen stellen sich tagsüber von selbst, und zwar in dem Moment, in dem du sie brauchst.
Woran du merkst, dass es wirkt
Der Fortschritt zeigt sich zuerst als Verzögerung. Zwischen dem Verhalten des anderen und deinem Urteil entsteht eine kleine Lücke, ein halber Atemzug, in dem die Frage auftaucht, was wohl bei ihm los ist. Diese Lücke ist unspektakulär und verändert trotzdem alles, was danach kommt. Und falls du an einem Tag keine Empathie übrig hast: auch gut. Empathie für andere setzt voraus, dass bei dir selbst gerade genug da ist, und dafür gibt es einen eigenen Artikel.
Zum Ausdrucken
Übungsblatt: Urteile in Bedürfnisse übersetzen
Das Übungsblatt zu Übung 3 als PDF. Nimm ein Urteil aus deinem Alltag und übersetze es schriftlich in das unerfüllte Bedürfnis dahinter.
Zum Weiterlesen
Was Empathie in der GFK genau meint und welche zwölf Sperren sie blockieren, steht im Grundlagenartikel Was ist Empathie in der GFK?. Die Königsdisziplin nach diesen Übungen ist das empathische Zuhören, die berufliche Variante mit Techniken das aktive Zuhören. Und wenn du beim Üben merkst, dass dein eigener Tank leer ist, fang bei der Selbstempathie an.
Am schnellsten lernt Empathie sich mit echten Menschen und Anleitung: Unser GFK Erlebnis-Webinar (90 Minuten) ist kostenlos.
Markus Castro, CNVC-zertifizierter Trainer für Gewaltfreie Kommunikation, Impact Institut



