Aktives Zuhören: wie geht das konkret?

Aktives Zuhören: wie geht das konkret? (Titelbild)

Aktives Zuhören besteht aus einer Handvoll Techniken: zusammenfassen, was du gehört hast, nachfragen, was unklar ist, Gefühle ansprechen, die du wahrnimmst, und Schweigen aushalten, statt jede Pause zu füllen. Die Techniken sind schnell gelernt. Was den Unterschied macht, ist die Absicht dahinter, denn dein Gegenüber merkt in Sekunden, ob du verstehen willst oder nur die Checkliste abarbeitest.

Die vier Techniken mit Beispielsätzen

Zusammenfassen. Du gibst in eigenen Worten wieder, was du verstanden hast: „Ich würd gern sichergehen, dass ich dich richtig verstanden hab, ich fass mal zusammen.“ Das zwingt dich zum echten Hinhören und gibt deinem Gegenüber die Chance, dich zu korrigieren. Die kürzere Form ist die Rückfrage: „Hab ich dich richtig verstanden, dass du das Projekt für gefährdet hältst?“

Offen nachfragen. Fragen, auf die mehr als Ja oder Nein passt: „Wie kam es dazu?“, „Was brauchst du gerade?“, „Was war für dich der schwierigste Teil?“ Vorsicht mit Warum-Fragen im Konflikt, sie klingen schnell nach Rechtfertigungsforderung.

Gefühle ansprechen. Du benennst vorsichtig, was du zwischen den Zeilen hörst: „Machst du dir Sorgen deswegen?“ oder „Klingt, als wärst du ziemlich frustriert?“ Wichtig ist das Fragezeichen am Ende. Du bietest eine Vermutung an, du stellst keine Diagnose, und dein Gegenüber darf widersprechen.

Schweigen aushalten. Die unterschätzteste der vier. Menschen brauchen Pausen, um zu sortieren, was sie wirklich sagen wollen, und die meisten Zuhörer füllen genau diese Pausen mit eigenen Geschichten. Die Faustregel aus unseren Trainings: doppelt so lange schweigen, wie du es normalerweise tun würdest. Was sich für dich wie eine Ewigkeit anfühlt, ist für dein Gegenüber Denkzeit.

Der Callcenter-Fehler

Aktives Zuhören hat einen schlechten Ruf, und der kommt von Sätzen wie diesem: „Wenn ich Sie richtig verstehe, sagen Sie also, dass Sie unzufrieden sind.“ Formal einwandfrei paraphrasiert und trotzdem zum Weglaufen, weil der Satz nach Schulung klingt statt nach Interesse. Paraphrasieren ohne echtes Interesse klingt nach Callcenter, und die Technik trägt nur, wenn dich die Antwort wirklich interessiert.

Der Unterschied liegt weniger in den Worten als im Zweck. Vergleich den Callcenter-Satz mit: „Warte, versteh ich das richtig: Du machst dir Sorgen, dass das Projekt kippt?“ Gleiche Technik, aber der zweite Satz unterbricht sich selbst, weil da jemand wirklich sichergehen will. Wenn du beim Zusammenfassen innerlich schon deine Antwort baust, spar dir die Zusammenfassung, das merkt man ihr an.

Verstehen heißt nicht einverstanden sein

Das größte Hindernis beim Zuhören ist die Angst, Zuhören sei Zustimmen. Deshalb unterbrechen Menschen, sobald sie anderer Meinung sind, aus Sorge, ihr Schweigen würde als Ja gewertet. Dabei kannst du eine Position vollständig verstehen, sauber zusammenfassen und ihr danach in aller Klarheit widersprechen. Genau genommen widersprichst du dann zum ersten Mal dem, was die Person wirklich gesagt hat, und nicht dem, was du beim halben Hinhören vermutet hast. Für Meinungsverschiedenheiten ist aktives Zuhören deshalb kein Weichspüler, es ist die Voraussetzung für einen Streit, der sich lohnt.

Die typischen Fehler

Neben dem Callcenter-Ton scheitert Zuhören meist an drei Reflexen: Ratschläge geben („Du müsstest einfach mal…“), die das Problem der Person durch deine Lösung ersetzen. Ausfragen („Wann war das? Wer war dabei?“), das Fakten sammelt und das Gefühl stehen lässt. Und die eigene Geschichte („Das kenn ich, bei mir damals…“), die das Scheinwerferlicht zu dir rüberzieht. Alle drei sind gut gemeint, und alle drei beenden das Zuhören. Der Psychologe Thomas Gordon hat solche Muster als Kommunikationssperren beschrieben, eine vollständige Liste findest du im Empathie-Grundlagenartikel.

Zum Ausprobieren: Nimm dir für dein nächstes Gespräch genau eine Sache vor: doppelt so lange schweigen wie sonst, bevor du antwortest. Innerlich langsam bis drei zählen hilft. Achte darauf, was dein Gegenüber mit der gewonnenen Zeit macht, das ist regelmäßig der interessanteste Teil des Gesprächs.

Wo die Technik aufhört

Aktives Zuhören stammt aus der Gesprächspsychologie nach Carl Rogers, und alle Techniken dieser Seite funktionieren nur so gut wie die Haltung dahinter. Wenn du über das Spiegeln der Worte hinauswillst und hören möchtest, welche Gefühle und Anliegen hinter dem Gesagten stehen, bist du beim empathischen Zuhören aus der Gewaltfreien Kommunikation, das dafür einen eigenen Artikel hat.

Flipchart: vier Zuhör-Techniken mit Beispielsätzen

Zum Weiterlesen

Die GFK-Vertiefung mit den vier Schritten des empathischen Zuhörens steht in Wie höre ich empathisch zu?, die zwölf Kommunikationssperren nach Gordon im Artikel Was ist Empathie in der GFK?. Mit welchem inneren Ohr du Vorwürfe hörst, erklären die vier Ohren der GFK, und die passenden Worte für das, was du beim Zuhören vermutest, liefert die Gefühlsliste.

Zuhören übt sich schlecht allein. Wenn du es mit Anleitung probieren willst: Unser GFK Erlebnis-Webinar (90 Minuten) ist kostenlos.

Markus Castro, CNVC-zertifizierter Trainer für Gewaltfreie Kommunikation, Impact Institut

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