Ein Bedürfnis ist das Wozu hinter deinem Wunsch, eine Strategie ist der konkrete Weg dahin. Bedürfnisse sind universell und hängen an keiner bestimmten Person, keinem Ort und keiner Uhrzeit: Erholung, Verlässlichkeit, Nähe, Sicherheit. Strategien legen fest, wer wann was tut: dass du am Wochenende zuhause bleibst, dass die Reviews bis Donnerstag kommen. Du erkennst eine Strategie daran, dass eine bestimmte Person etwas Bestimmtes tun soll. Und weil das so ist, spielen sich Konflikte fast immer bei den Strategien ab.
Das Erkennungsmerkmal, an dem du beide auseinanderhältst

Der Test passt in eine Frage: Führt nur ein einziger Weg dahin? „Dass du sofort auf meine Nachrichten antwortest“ hat genau einen Weg, nämlich dich und dein Handy, also ist es eine Strategie. Das Bedürfnis darunter, Verlässlichkeit, hat viele Wege: feste Telefonzeiten, ein kurzes „Bin im Termin, melde mich um fünf“, eine Absprache für Notfälle.
Auf unseren Bedürfniskarten steckt für diesen Test ein kleiner Stolperstein: eine Karte mit der Aufschrift Kaffee. Kaffee ist natürlich keine der universellen Qualitäten, er ist käuflich und koffeinhaltig, also eine Strategie. Interessant wird die Karte, wenn du fragst, wozu: Je nach Tag erfüllt dir derselbe Kaffee Wachheit, eine Pause, ein Ritual oder Kontakt zur Kollegin. Eine Strategie, vier mögliche Bedürfnisse. Genau diese Frage, wozu eigentlich, ist das ganze Handwerkszeug dieses Artikels.
Warum die Unterscheidung Konflikte entschärft
Über Bedürfnisse streitet fast niemand. Dass dein Partner Erholung braucht, würdest du nie bestreiten, auch mitten im Krach. Gestritten wird über Strategien, also über den einen Weg, den jemand zum einzigen erklärt hat.
Das Paar-Beispiel dazu kennt fast jeder: „Ich will, dass du am Wochenende zuhause bleibst“ trifft auf „Ich brauch mein Fußball am Samstag“, und beide verteidigen ihre Lösung, bis es knallt. Eine Etage tiefer sieht der Konflikt anders aus: Ihr fehlt Zeit zu zweit, ihm fehlt Ausgleich und Männerrunde. Diese beiden Bedürfnisse schließen sich überhaupt nicht aus, es gibt Wochenpläne genug, die beides erfüllen. Ausschließen tun sich nur die beiden Strategien, die gerade aufeinanderprallen. Sobald beide Bedürfnisse auf dem Tisch liegen, verwandelt sich der Streit in eine Suchaufgabe: Welcher Weg erfüllt beides?
Daraus folgt der Satz, den ich in Seminaren am häufigsten wiederhole: Ein Bedürfnis kann viele Strategien haben. Wer nur eine kennt, verhandelt nicht, der kämpft.
Die Wozu-Frage: so kommst du vom Weg zum Grund
Nimm eine Forderung, die du gerade an jemanden hast, und frag dich dreimal wozu. „Du sollst am Wochenende zuhause bleiben.“ Wozu? „Damit wir mal Zeit haben.“ Wozu? „Weil wir uns nur noch organisatorisch sprechen.“ Wozu? „Weil mir die Verbindung zu dir fehlt.“ Da bist du angekommen: Das Letzte, das sich nicht mehr sinnvoll weiterfragen lässt, ist das Bedürfnis. Und von dort aus such zwei weitere Wege, die es auch erfüllen würden. Erst mit Alternativen im Kopf kannst du verhandeln.
So verändert sich auch der Satz, den du aussprichst. Vorher: „Ich habe ein Bedürfnis danach, dass du am Wochenende zuhause bleibst.“ Das ist doppelt schief, es klebt das Wort Bedürfnis auf eine Strategie und macht sie damit unverhandelbar. Nachher: „Mir fehlt Zeit mit dir, ich merk das jeden Sonntagabend. Zuhause bleiben wäre eine Möglichkeit, mir würde auch ein fester Abend unter der Woche reichen.“ Gleiches Anliegen, plötzlich verhandelbar.
Im Team läuft dasselbe Spiel
„Es nervt mich, dass in der Konferenz endlos diskutiert wird“ klingt wie ein Charakterproblem der Runde, dahinter stecken schlicht Effizienz und Klarheit, und dafür gibt es dutzende Strategien jenseits von „alle sollen sich kürzer fassen“. In Entscheidungsprozessen nutzen wir das gezielt: Bevor eine Gruppe Optionen sammelt, kommt jede Person kurz zu Wort, was ihr bei der Sache wichtig ist. „Mir ist wichtig, um fünf Feierabend zu haben“, „mir, dass wir die Belastung fair verteilen“. Erst die Anliegen, dann die Optionen. Die Vorschlagsliste wird dadurch messbar kreativer, weil niemand mehr seine eine Lieblingslösung verteidigen muss, bevor klar ist, wofür sie überhaupt gut sein soll.
Was die Unterscheidung nicht heißt
Eine Sorge taucht in jedem Seminar auf: Muss ich jetzt immer flexibel sein? Manche GFK-Übende werden vor lauter Strategie-Offenheit so beweglich, dass sie gar nichts mehr wollen, und das ist kein Fortschritt, das ist Selbstaufgabe mit Fachbegriff. Du darfst eine klare Präferenz haben. Der Samstagabend zu zweit darf dir wichtiger sein als jeder Ersatztermin. Die Unterscheidung verlangt nur, dass du weißt, wozu du ihn willst, und dass du hörst, was er den anderen kostet. Dann ist deine Präferenz eine Bitte, über die man reden kann, und keine Forderung im Bedürfnis-Kostüm.
Für die Pinnwand
Flipchart: Bedürfnisse und ihre vielen Strategien
Das Flipchart zu Bedürfnissen und ihren vielen Strategien als PDF. Es bringt den Kernsatz dieses Artikels an deine Wand: Ein Bedürfnis kann viele Wege haben.
Zum Weiterlesen
Was Bedürfnisse in der GFK überhaupt sind, erklärt der Grundlagenartikel Bedürfnisse in der GFK, und die komplette Bedürfnisliste samt Kaffee-Karte gibt es zum Nachschlagen. Wie aus deinem Bedürfnis eine Bitte wird, bei der ein Nein erlaubt bleibt, steht in Wie formuliere ich eine Bitte?. Und wie Gruppen mit der Anliegen-Runde und Widerstandsmessung tragfähige Entscheidungen finden, zeigt Was ist Systemisches Konsensieren?.
Die Unterscheidung zwischen Bedürfnis und Strategie ist eines der Themen, an denen wir in der Jahresausbildung ein ganzes Jahr lang arbeiten.
Markus Castro, CNVC-zertifizierter Trainer für Gewaltfreie Kommunikation, Impact Institut



