Bedürfnisse sind in der Gewaltfreien Kommunikation die Beweggründe hinter allem, was Menschen tun, und jeder Mensch kennt sie, egal wie alt er ist und wo er lebt. Hier stehen die gut sechzig Bedürfnisse aus unserem Kartenset, nach Lebensbereichen sortiert, damit du schnell das Wort findest, das gerade passt. Die Gefühle haben eine eigene Seite, die Gefühlsliste.
Die Liste: gut 60 Bedürfnisse nach Lebensbereichen
- Körper und Erholung: Nahrung, Ruhe und Schlaf, Bewegung, Entspannung, Schutz, Sexualität, Zuhause
- Sicherheit und Orientierung: Sicherheit, Geborgenheit, Vertrauen, Struktur, Ordnung, Klarheit, Stimmigkeit, Harmonie
- Verbindung: Verbindung, Nähe, Liebe, Freundschaft, Gemeinschaft, Zugehörigkeit, Miteinander, Fürsorge, Unterstützung, Empathie, Gesehen werden, Akzeptanz
- Autonomie und Identität: Autonomie, Freiheit, Wahlfreiheit, Grenzen, Identität, Authentizität, Selbstvertrauen, Respekt, Gleichwertigkeit, Anerkennung
- Wirksamkeit und Entwicklung: Wirksamkeit, Beitragen, Erfolg, Fortschritt, Wachstum, Einfluss, Initiative, Feedback, Kooperation, Verstehen, Inspiration, Kreativität, Vision
- Leichtigkeit und Sinn: Leichtigkeit, Spiel, Feiern, Hoffnung, Dankbarkeit, Achtsamkeit, Ehrlichkeit, Nachhaltigkeit, Work-Life-Balance, Trauern
Die Sortierung ist eine Lesehilfe. Ehrlichkeit kann bei dir unter Verbindung laufen und bei deinem Kollegen unter Sicherheit, beides stimmt. Und ja, Trauern steht wirklich auf der Liste: Einen Verlust betrauern zu dürfen, statt ihn schnell wegzumachen, ist genauso ein Bedürfnis wie Feiern.
Zum Ausdrucken
Gefühlsliste und Bedürfnisliste als PDF
Beide Listen in einem PDF, für die Momente, in denen dir das Wort fehlt.
Wozu du die Liste brauchst

Im dritten der vier GFK-Schritte sagst du, was du brauchst, und genau da wird es bei vielen dünn. Wenn dir auf die Frage „Und was brauchst du?“ nur Ruhe, Respekt oder Wertschätzung einfällt, sind das brauchbare Wörter, manchmal aber nur die zweitbeste Übersetzung. „Unterstützung“ zeigt in eine andere Richtung als „Verlässlichkeit“, und wem eigentlich Leichtigkeit fehlt, dem hilft mehr Respekt auch nicht weiter. Mit der Liste findest du das genauere Wort, und das sagt deinem Gegenüber, worum es dir geht.
Wie Bedürfnisse im Alltag klingen
Die Wörter in der Liste sind Seminarsprache. Im echten Gespräch klingt dasselbe Bedürfnis anders. Frank und Gundi Gaschler haben das in Alltagssprache übersetzt, ein paar Beispiele:
- Autonomie: „Du möchtest selbst entscheiden, was du tust, selber aussuchen, was du magst?“
- Sicherheit: „Du möchtest sehen können, dass es dir bei einer Sache gut gehen wird?“
- Verbindung: „Du möchtest spüren können, dass du dazugehörst?“
- Ordnung / Struktur: „Du möchtest deine Sachen gleich finden können, den Durchblick haben, was gerade passiert?“
- Wertschätzung: „Du möchtest, dass andere bemerken, wie wichtig das ist, was du tust?“
- Ehrlichkeit: „Du möchtest dich darauf verlassen können, was gesagt wird?“
- Unterstützung: „Du brauchst Hilfe, jemanden, der dich unterstützt?“
Du kannst diese Fragen auch mit Kindern und Jugendlichen verwenden, denen die Bedürfnisbegriffe noch fremd sind.
Und für dich selbst gilt dasselbe: Sag im Gespräch möglichst selten „Bedürfnis“. „Ich habe ein Bedürfnis nach Autonomie, das du gerade nicht erfüllst“ klingt nach Fachbuch und macht dein Gegenüber für dein Bedürfnis verantwortlich. „Ich will solche Sachen selbst entscheiden, mir ist wichtig, dass du mich vorher fragst“ sagt dasselbe und lässt sich hören. Die Liste hat ihren Platz vor dem Gespräch, wenn du sortierst, was eigentlich los ist, und danach, wenn du verstehen willst, warum es so gelaufen ist.
Bedürfnis oder Wunsch: warum auf unseren Karten Kaffee steht
Ein Bedürfnis kannst du nicht kaufen, nicht anfassen und keinem bestimmten Menschen zuweisen. „Verlässlichkeit“ ist ein Bedürfnis, „dass du mich abholst“ ist ein Wunsch, also ein Weg, auf dem du dir Verlässlichkeit holen willst. Die GFK geht davon aus, dass über diese Wege gestritten wird: wer wann aufräumt, ob der Urlaub in die Berge geht oder ans Meer, wessen Plan gilt. Hinter verschiedenen Wegen können dieselben Bedürfnisse stehen. Frag deshalb im nächsten Konflikt für beide Seiten, was ihnen an ihrem Vorschlag wichtig ist.
Deshalb liegt in unserem Kartenset zwischen den Bedürfnissen eine Karte mit dem Wort „Kaffee“. Ernst gemeint ist sie halb. Kaffee ist ein Weg, und zwar ein erstaunlich vielseitiger: Je nach Tag erfüllt er dir Wachheit, ein Ritual, eine Pause oder den Vorwand, zehn Minuten mit der Kollegin zu reden. Wenn du bei einem Wort sagen kannst, was es dir gerade erfüllt, hast du die wichtigste Unterscheidung dieser Liste verstanden. Mehr dazu steht im Artikel Bedürfnis oder Strategie.
Mini-Übung: Füllstände
Wähl aus der Liste die fünf Bedürfnisse, die dir zurzeit am wichtigsten sind. Mal für jedes ein Gefäß auf ein Blatt, vom Fingerhut bis zum Swimmingpool, je nachdem, wie groß es für dich ist. Dann markier aus dem Bauch heraus, wie voll es gerade ist. Die Füllstände sind deine eigene Einschätzung: Die leeren Gefäße zeigen, was gerade zu kurz kommt, die vollen, worauf du dich gerade verlassen kannst.
Zum Mitnehmen
Deine Bedürfnis-Füllstände als Übungsblatt
Die Füllstand-Übung als PDF. Wähl deine fünf wichtigsten Bedürfnisse, mal die Gefäße und sieh auf einen Blick, woran es gerade hakt.
Wenn du die Bedürfnisse lieber erleben willst, als sie zu lesen: Im GFK-Grundlagenseminar arbeitest du mit den Bedürfniskarten an deinen eigenen Situationen und merkst schnell, welche Wörter bei dir treffen.
Zum Weiterlesen
Was ein Bedürfnis im GFK-Sinn genau ist, steht im Grundlagenartikel Was sind Bedürfnisse in der GFK?. Das Gegenstück zu dieser Liste ist die Gefühlsliste, denn Gefühle zeigen dir, welches Bedürfnis gerade versorgt ist und welches nicht. Wie beides zusammenhängt, erklärt der Artikel über Gefühle und Bedürfnisse, und wie es in den Ablauf der vier Schritte gehört, liest du dort.
Markus Castro, CNVC-zertifizierter Trainer für Gewaltfreie Kommunikation, Impact Institut




1 Kommentar zu „Bedürfnisliste: welche Bedürfnisse gibt es?“