Bedürfnisse sind in der GFK die universellen Beweggründe hinter allem, was Menschen tun: Sicherheit, Verbindung, Autonomie, Wirksamkeit und einige Dutzend mehr. Universell heißt, jeder Mensch kennt sie, unabhängig von Alter, Kultur und Lebenslage. Was sich unterscheidet, sind die Wege, auf denen wir sie uns erfüllen. Hier findest du die gut sechzig Bedürfnisse aus unserem Kartenset als Liste zum Nachschlagen, nach Lebensbereichen sortiert.
Beide Listen
Du suchst die Gefühls- und Bedürfnisliste?
Auf dieser Seite stehen die Bedürfnisse. Die Gefühle haben eine eigene Seite mit eigener Liste. Und wenn du wissen willst, wie die beiden zusammenhängen, gibt es dafür einen eigenen Artikel.
Wozu eine Bedürfnisliste?

Im dritten der vier GFK-Schritte sollst du benennen, was du brauchst, und genau an der Stelle wird es bei den meisten dünn. Auf die Frage „Und was brauchst du?“ höre ich in Seminaren zuverlässig dieselben drei Wörter: Ruhe, Respekt und Wertschätzung. Alle drei sind brauchbar, oft sind sie aber nur die zweitbeste Übersetzung. „Unterstützung“ zeigt in eine andere Richtung als „Verlässlichkeit“, und wem eigentlich Leichtigkeit fehlt, dem hilft auch mehr Respekt nicht weiter. Die Liste ist dafür da, das treffendere Wort zu finden.
Wenn du die Bedürfnisse lieber erleben willst statt sie zu lesen: In unserem GFK-Grundlagenseminar arbeitest du mit den Bedürfniskarten und merkst schnell, welche Begriffe bei dir wirklich treffen.
Was Bedürfnisse von Wünschen trennt
Bedürfnisse im GFK-Sinn sind abstrakt und personenunabhängig. Du kannst ein Bedürfnis nicht kaufen, nicht anfassen und keinem bestimmten Menschen zuweisen. „Verlässlichkeit“ ist ein Bedürfnis. „Dass du mich abholst“ ist ein Wunsch, eine konkrete Strategie, mit der du dir Verlässlichkeit erfüllen willst. Der Unterschied klingt nach Spitzfindigkeit, ist aber im Konflikt entscheidend: Über Strategien lässt sich streiten („Ich kann dich nicht abholen, ich hab einen Termin“), über Bedürfnisse fast nie („Ja, Verlässlichkeit ist mir auch wichtig“). Wer bei den Bedürfnissen landet, findet meistens gemeinsamen Boden.
Die Liste: gut 60 Bedürfnisse nach Lebensbereichen
- Körper und Erholung: Nahrung, Ruhe und Schlaf, Bewegung, Entspannung, Schutz, Sexualität, Zuhause
- Sicherheit und Orientierung: Sicherheit, Geborgenheit, Vertrauen, Struktur, Ordnung, Klarheit, Stimmigkeit, Harmonie
- Verbindung: Verbindung, Nähe, Liebe, Freundschaft, Gemeinschaft, Zugehörigkeit, Miteinander, Fürsorge, Unterstützung, Empathie, Gesehen werden, Akzeptanz
- Autonomie und Identität: Autonomie, Freiheit, Wahlfreiheit, Grenzen, Identität, Authentizität, Selbstvertrauen, Respekt, Gleichwertigkeit, Anerkennung
- Wirksamkeit und Entwicklung: Wirksamkeit, Beitragen, Erfolg, Fortschritt, Wachstum, Einfluss, Initiative, Feedback, Kooperation, Verstehen, Inspiration, Kreativität, Vision
- Leichtigkeit und Sinn: Leichtigkeit, Spiel, Feiern, Hoffnung, Dankbarkeit, Achtsamkeit, Ehrlichkeit, Nachhaltigkeit, Work-Life-Balance, Trauern
Die Zuordnung ist eine Lesehilfe, kein Gesetz. Ehrlichkeit kann bei dir unter Verbindung laufen und bei deinem Kollegen unter Sicherheit, beides stimmt. Und ja, Trauern steht wirklich auf der Liste: Das Bedürfnis, einen Verlust zu betrauern, statt ihn schnell wegzumachen, ist genauso real wie das nach Feiern.
Umgangssprachliche Formulierungen: wie Bedürfnisse im Alltag klingen
Die Bedürfnisnamen in der Liste oben stammen aus dem Seminarkontext. Im echten Gespräch klingen sie oft anders. Frank und Gundi Gaschler haben übersetzt, wie sich dasselbe Bedürfnis in Alltagssprache anhört. Ein paar Beispiele:
- Autonomie: „Du möchtest selbst entscheiden, was du tust, selber aussuchen, was du magst?“
- Sicherheit: „Du möchtest sehen können, dass es dir bei einer Sache gut gehen wird?“
- Verbindung: „Du möchtest spüren können, dass du dazugehörst?“
- Ordnung / Struktur: „Du möchtest deine Sachen gleich finden können, den Durchblick haben, was gerade passiert?“
- Wertschätzung: „Du möchtest, dass andere bemerken, wie wichtig das ist, was du tust?“
- Ehrlichkeit: „Du möchtest dich darauf verlassen können, was gesagt wird?“
- Unterstützung: „Du brauchst Hilfe, jemanden, der dich unterstützt?“
Diese Übersetzungen helfen besonders, wenn du mit Kindern oder Jugendlichen über Bedürfnisse sprichst: Die Fachwörter können fremd klingen, die Alltagsvarianten treffen sofort.
Warum auf unseren Karten auch Kaffee steht
Wer mit unserem Kartenset arbeitet, findet zwischen Sicherheit und Autonomie irgendwann die Karte „Kaffee“, und spätestens am zweiten Seminartag fragt jemand, ob das ernst gemeint ist. Halb. Kaffee ist kein Bedürfnis, du kannst ihn kaufen und anfassen. Er ist eine Strategie, und zwar eine erstaunlich vielseitige: Je nach Tag erfüllt er dir Wachheit, ein Ritual, eine Pause oder den Vorwand, mit der Kollegin zehn Minuten zu reden. Die Karte ist als Stolperstein gedacht. Wenn du bei einem Wort sagen kannst, was es dir gerade erfüllt, hast du die wichtigste Unterscheidung der ganzen Liste verstanden.
Wie du die Liste benutzt, ohne dass es nach Therapie klingt
Der wichtigste Hinweis zuerst: Sag im echten Gespräch möglichst selten „Bedürfnis“. Das Wort gehört ins Seminar und in diesen Artikel, im Wohnzimmer klingt es nach Fachbuch mit Beinen. „Ich habe ein Bedürfnis nach Autonomie, das du gerade nicht erfüllst“ ist ein Satz, der jedes Gespräch beendet. Sag stattdessen, was dir wichtig ist: „Ich will solche Sachen selbst entscheiden. Mir ist wichtig, dass ich vorher gefragt werde.“ Gleicher Inhalt, doppelt so gut zu hören.
Ihren Platz hat die Liste vor dem Gespräch und danach: vorher beim Sortieren, was eigentlich los ist, hinterher beim Verstehen, warum es gut oder schief gelaufen ist. Mitten im Konflikt braucht sie niemand mehr, wenn du vorher zwei Minuten mit ihr verbracht hast.
Konflikte entstehen eine Etage höher
Über die Bedürfnisse selbst streitet fast niemand. Dass Menschen Erholung brauchen, Verlässlichkeit und etwas Einfluss auf ihr eigenes Leben, unterschreibt dir jeder, auch mitten im Krach. Gestritten wird über die Strategien: wer wann aufräumt, ob der Urlaub in die Berge geht oder ans Meer, wessen Projektplan gilt. Wenn du im nächsten Konflikt die Liste nimmst und für beide Seiten das Bedürfnis dahinter suchst, passiert regelmäßig etwas Ernüchterndes: Ihr wollt fast dasselbe. Ihr wollt nur auf verschiedenen Wegen dahin.
Mini-Übung: Füllstände
Aus der Arbeit mit den Bedürfniskarten stammt diese Übung. Wähl aus der Liste die fünf Bedürfnisse, die dir zurzeit am wichtigsten sind. Mal für jedes ein Gefäß auf ein Blatt, von Fingerhut bis Swimmingpool, je nachdem, wie groß es für dich ist. Dann markier aus dem Bauch heraus den Füllstand, ohne lange nachzudenken. Die leeren Gefäße zeigen dir ziemlich genau, warum du seit Wochen gereizt bist, und die vollen, worauf du dich gerade verlassen kannst.
Wenn du lieber mit echten Karten arbeitest: Das Bedürfniskarten-Set mit allen Begriffen aus dieser Liste gibt es in unserem Shop, zusammen mit Übungsideen für Gruppen und für dich allein.
Zum Mitnehmen
Deine Bedürfnis-Füllstände als Übungsblatt
Die Füllstand-Übung aus diesem Artikel als PDF. Wähl deine fünf wichtigsten Bedürfnisse, mal die Gefäße und sieh auf einen Blick, woran es gerade hakt.
Zum Weiterlesen
Was ein Bedürfnis im GFK-Sinn genau ist und warum es der Dreh- und Angelpunkt der Methode ist, steht im Grundlagenartikel Was sind Bedürfnisse in der GFK?. Das Gegenstück zu dieser Liste ist die Gefühlsliste, denn Gefühle sind die Messfühler für genau diese Bedürfnisse. Wie beides in den Ablauf der vier Schritte gehört, liest du dort. Und warum Kaffee eine Strategie ist und was diese Unterscheidung in Konflikten möglich macht, erklärt Bedürfnis oder Strategie.
Markus Castro, CNVC-zertifizierter Trainer für Gewaltfreie Kommunikation, Impact Institut




1 Kommentar zu „Bedürfnisliste: welche Bedürfnisse gibt es?“