ADHS und Zuhören: warum du unterbrichst, obwohl dich interessiert, was der andere sagt

ADHS und Zuhören: warum du unterbrichst, obwohl dich interessiert, was der andere sagt (Titelbild)

Wenn du mit ADHS jemandem ins Wort fällst, liegt das selten an Desinteresse. Meistens ist das Gegenteil los: Dein Gegenüber sagt etwas, das zündet sofort einen Gedanken, und dein Arbeitsgedächtnis warnt, dass der Gedanke weg ist, wenn du ihn nicht jetzt loswirst, also redest du rein. Für dich ist das Beteiligung, bei deiner Partnerin kommt an: Ich bin ihm egal. Diese Lücke zwischen dem, was du meinst, und dem, was ankommt, ist das eigentliche Thema.

Was im ADHS-Kopf beim Zuhören passiert

Zuhören klingt nach zurücklehnen und aufnehmen, für ein ADHS-Gehirn ist es das nicht. Da läuft parallel eine ganze Baustelle: Ein Wort deines Freundes erinnert dich an etwas, das du unbedingt erzählen willst, gleichzeitig versuchst du, den roten Faden zu halten, und im Hintergrund brummt die Angst, dass der eigene Einfall gleich verschwindet. Das Arbeitsgedächtnis ist das Regal, auf dem du das alles zwischenlagerst, und bei vielen von uns ist das Regal kleiner. Läuft es über, greifst du zu dem, was obenauf liegt, und redest los. Dazu das Abschweifen: Ein Stichwort fällt, und dein Kopf ist schon bei einem eigenen Erlebnis. Das langweilt dich nicht, dein Aufmerksamkeitssystem bleibt nur an jedem Reiz hängen, auch am eigenen.

Das ist keine Charakterschwäche und kein böser Wille, das ist die Verdrahtung. Ich nehm mich da ausdrücklich nicht aus, mir fällt das Zuhören ohne reinreden bis heute schwer, gerade wenn mich das Thema packt.

Warum deine Absicht deine Wirkung nicht rettet

In der GFK unterscheiden wir gern zwischen Absicht und Wirkung, weil die beiden fast nie deckungsgleich sind. Deine Absicht beim Unterbrechen ist gut, oft sogar liebevoll. Deine Partnerin sieht davon nichts, sie sieht, dass sie zum dritten Mal den Faden verliert, weil du dazwischenredest, und bei ihr kommt an: Das, was ich sage, ist nicht wichtig genug, um es zu Ende zu bringen.

Die ehrliche Ansage lautet deshalb: Deine Absicht erklärt dein Verhalten, sie entschuldigt seine Wirkung nicht. „Ich hab ADHS“ ist eine Erklärung, kein Freifahrtschein. Der Unterschied entscheidet, ob dein Gegenüber sich mit dir gegen ein Muster stellt oder sich mit dem Problem alleingelassen fühlt. Und weil Zuhören für dich echte Arbeit ist und nicht bloß Wollen, hilft dir auch kein „streng dich halt mehr an“. Appelle laufen bei ADHS ins Leere. Was hilft, ist Struktur.

Erst Selbstempathie, sonst wird es Selbsthass

Diesen Zwischenschritt überspringen fast alle. Viele mit ADHS haben das Reinreden über Jahre als Beleg fürs eigene Versagen abgespeichert. Jedes „Lass mich doch mal ausreden“ landet auf einem Stapel mit der Aufschrift: Ich krieg nicht mal ein Gespräch hin. Das ist der Wolf nach innen, und fürs Zuhören macht er dich nur angespannter, weil du beim Reden auch noch dich selbst überwachst.

Selbstempathie heißt hier: Du erkennst an, dass dein Kopf so tickt, ohne dich dafür zu verurteilen. In etwa so: „Okay, ich bin grad voll aufgedreht und will sofort was loswerden. Das ist mein ADHS, keine Bosheit.“ Kein Schönreden, sondern die Voraussetzung dafür, dass du im Gespräch überhaupt Kapazität für den anderen hast. Wer innerlich mit sich selbst schimpft, hört nach außen erst recht nicht zu.

Was konkret hilft: eine Bitte statt eines Vorsatzes

Ein Vorsatz wie „Ich unterbreche ab jetzt nicht mehr“ hält bei ADHS ungefähr bis zum nächsten spannenden Satz. Tragfähiger ist eine konkrete Bitte an dein Gegenüber.

  1. Mach das Muster gemeinsam sichtbar, in einem ruhigen Moment. „Mir ist aufgefallen, dass ich dir oft reinrede. Das heißt nicht, dass mich nicht interessiert, was du sagst, es ist eher das Gegenteil. Aber ich versteh, dass es sich für dich blöd anfühlt.“
  2. Formuliere eine echte Bitte, bei der ein Nein erlaubt ist. „Sag mir ruhig, wenn ich dir reinrede, ein kurzes Zeichen reicht.“ Eine Bitte erkennst du daran, dass dein Gegenüber sie ablehnen darf. Erwartest du, dass es von jetzt an dein Aufpasser sein muss, ist es eine Forderung mit freundlicher Verpackung.
  3. Gib deinem Arbeitsgedächtnis eine externe Ablage. Der Auslöser fürs Reinreden ist oft die Angst, den Einfall zu verlieren. Kippst du ihn mit einem Wort auf einen Zettel oder in eine Notiz-App, ist der Gedanke gesichert und der Drang, sofort zu reden, kleiner.

Typische Fehler auf beiden Seiten

Auf der ADHS-Seite ist der häufigste Fehler, die Erklärung als Schlussstrich zu benutzen. „Ist halt mein ADHS“ beendet das Gespräch, statt eine Lösung zu öffnen.

Und die Nicht-ADHS-Seite hat ihren eigenen Klassiker: das Unterbrechen als Charakterurteil zu verpacken. „Du hast mich gerade dreimal unterbrochen“ ist eine Beobachtung, besprechbar. „Dir ist einfach egal, was ich sage“ ist eine Deutung, gegen die man sich nur verteidigen kann, und sie trifft genau die Stelle, an der die ADHS-Person sich sowieso schon selbst verurteilt.

Häufige Frage: reicht GFK, damit ich mit ADHS besser zuhöre?

GFK gibt dir hier ein Alltagswerkzeug: Selbstempathie gegen den inneren Kritiker, eine klare Bitte statt eines Vorsatzes, die Trennung von Beobachtung und Deutung. Die Verdrahtung deines Aufmerksamkeitssystems verändert sie nicht. Wenn das Zuhören dich massiv belastet oder mit starker Scham verknüpft ist, ist ein Gesprächstraining der falsche Ort, dann braucht es Fachleute für ADHS.

Fürs nächste Gespräch

Flipchart: vier Arten zu hören

Das Flipchart zu den vier Arten zu hören, mit Wolf und Giraffe, als PDF. Schau vor dem nächsten Gespräch kurz drauf und check, mit welchem Ohr du gerade zuhörst.

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Zum Weiterlesen

Wie du auf Gefühle und Bedürfnisse hinter dem Gesagten hörst, steht in Wie höre ich empathisch zu?, die konkreten Techniken von Zusammenfassen bis Schweigen aushalten unter Aktives Zuhören: wie geht das konkret?. Den Umgang mit dem inneren Kritiker vertieft Was ist Selbstempathie?. Und wo GFK ADHS-Gehirnen sonst hilft und wo sie an ehrliche Grenzen kommt, ordnet der Überblick Hilft GFK bei ADHS? ein.

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Markus Castro, CNVC-zertifizierter Trainer für Gewaltfreie Kommunikation, Impact Institut

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