Was heißt GFK-Haltung eigentlich?

Flipchart mit der Überschrift Gewaltfreie Kommunikation vom Werkzeug zur Haltung: gezeichnete Figuren, dazu der Satz, dass GFK zu einer inneren Haltung führt, die die Methoden überflüssig macht.

„Das war aber nicht gewaltfrei“ verrät oft schon das Problem. Wenn eine Methode zur Regelpolizei wird, ist der andere Mensch wieder der Prüfgegenstand.

GFK-Haltung ist kein Besitz und kein reiner Charakter. Sie beschreibt eher, wie ein Mensch Überzeugungen, Wünsche, Ängste und Erfahrungen im Alltag in Handeln übersetzt. Gewaltfreie Kommunikation kann diese Arbeit unterstützen. Sie nimmt niemandem das Menschsein ab.

Wenn du erleben möchtest, wie sich das in der Praxis anfühlt: In unserem kostenlosen GFK-Erlebniswebinar arbeitest du an einem eigenen Beispiel.

Methode und Mensch lernen in unterschiedlichem Tempo

Flipchart: vom Schuldurteil zum Bedürfnisfokus

Formulierungen lassen sich schnell lernen. Innere Reife, Fehlertoleranz und Konfliktfähigkeit brauchen meist länger. Du kannst die vier Schritte kennen und trotzdem zu früh urteilen, dich verteidigen oder unter Druck einen Satz sagen, den du später anders formulieren würdest.

Das ist kein Gegenbeweis zur GFK. Es ist der Ort, an dem Übung beginnt.

Die Rolle des immer gelassenen Menschen

Wer nach einem Kurs möglichst schnell „fertig“ sein will, gerät leicht in eine Rolle. Angst, Wut und Erschöpfung werden dann versteckt, weil sie nicht zum Bild des empathischen Menschen passen sollen.

Diese Rolle macht eng. Haltung wird dagegen dort sichtbar, wo du einen Fehler bemerkst, nachfragst, dich entschuldigst oder eine Grenze aussprichst. Das ist vielleicht nicht immer elegant, aber verantwortlich.

Vier Felder, in denen du dich bewegen kannst

Je nach Situation und Rolle kann deine innere Einstellung sehr unterschiedlich sein. Vielleicht legst du in Gesprächen mit Kolleginnen eine andere Einstellung an den Tag als mit deinem Partner oder deinen Kindern. Vier Felder helfen bei der Orientierung:

Autoritär: Du fokussierst dich auf Kontrolle und Dominanz. Du neigst dazu, andere als untergeordnet und weniger fähig zu betrachten, vielleicht sogar ihre Meinungen und Bedürfnisse zu ignorieren.

Resignativ: Du hast wenig Motivation, überhaupt in den Kontakt zu gehen, weil du das Gefühl hast, dass es eh nichts bringt. Du neigst dazu, Probleme nicht anzugehen und Entscheidungen aufzuschieben.

Kooperativ: Du bist offen und respektvoll im Gespräch. Du bist bereit, die Meinungen und Bedürfnisse des anderen zu berücksichtigen und eine positive Kommunikation auf Augenhöhe zu führen.

Permissiv: Du legst Wert auf Freiheit und Wohlwollen. Das kann aber auf deine Kosten gehen, wenn dadurch klare Grenzen und nachhaltige Absprachen vernachlässigt werden.

Die vier Felder sind keine Persönlichkeitstypen. Die meisten Menschen bewegen sich je nach Kontext in verschiedenen Feldern. Es lohnt sich, ehrlich hinzuschauen: In welchen Situationen rutsche ich wohin, und warum?

Die GFK zielt auf das kooperative Feld, aber sie meint damit keinen weichen Stil. Kooperativ heißt: Klarheit darüber, was dir wichtig ist, verbunden mit der Bereitschaft, die Bedürfnisse des anderen ernst zu nehmen. Das kann durchaus unbequem werden.

Wie Übung und Haltung sich gegenseitig verstärken

Am Anfang sind die vier Elemente so etwas wie ein Werkzeugkoffer: Du übst damit, empathisch zuzuhören und dich ohne Kritik auszudrücken. Diese Fähigkeiten verschaffen dir neue Erfahrungen, denn Menschen reagieren anders auf dich, wenn du anders agierst.

Die neuen Erfahrungen verändern nach und nach deine Grundannahmen: Manche verfestigen sich, andere geraten ins Wanken. So verschiebt sich deine Haltung Schritt für Schritt in Richtung Offenheit und Empathie. Mit der Haltung verändern sich wieder die Ergebnisse deiner Kommunikation. Übung und Haltung verstärken sich gegenseitig.

Irgendwann brauchst du die Werkzeuge kaum noch: Du kannst darauf vertrauen, auch spontan und intuitiv Verbindung herzustellen. Das heißt nicht, dass es keine Rückschläge gibt. Es heißt, dass du mit Rückschlägen anders umgehst als am Anfang.

Was Haltung mit Verantwortung zu tun hat

Ein Stück Haltung zeigt sich daran, wie du mit Verantwortung umgehst. In der GFK bedeutet das: Du bist nicht für die Gefühle und Bedürfnisse anderer Menschen verantwortlich. Das zu verinnerlichen ist wichtig, weil Schuldgedanken und Selbstvorwürfe echtes Mitgefühl behindern können. Wenn dir deine Frau sagt, dass sie traurig und einsam ist, kannst du ihr nur empathisch zuhören, wenn du nicht gleichzeitig glaubst, dass du die Ursache für ihre Gefühle bist.

Du kannst nur Verantwortung für etwas übernehmen, das in deinem Einflussbereich liegt. Gefühle hängen eng mit Bedürfnissen zusammen, und für deine eigenen Gefühle und Bedürfnisse bist du verantwortlich. Dein Gegenüber für seine.

Das heißt nicht, dass dir das Verhalten anderer egal sein soll. Es heißt, dass du Verantwortung und Mitgefühl auseinanderhalten kannst. Beides gleichzeitig funktioniert, nur nicht in Verbindung mit Schuldgefühlen.

Ein brauchbarer Maßstab

Vielleicht heißt Fortschritt nicht, keine alten Muster mehr zu haben. Vielleicht heißt er, dieselben Fehler etwas seltener zu machen und früher zu bemerken.

Das lässt sich im Alltag prüfen:

  • Kann ich Kritik hören, ohne sie als Angriff auf die Methode zu lesen?
  • Kann ich sagen, was ich brauche, ohne den anderen dafür abzuwerten?
  • Kann ich anerkennen, dass jemand ein Recht auf eine andere Sicht hat?
  • Kann ich meine Grenze halten, ohne daraus eine moralische Überlegenheit zu machen?

GFK wird dann keine Sprache, die Menschen sortiert. Sie wird eine Praxis, die Verantwortung möglich macht.

Zum Weiterlesen

Weiterführend passen Gewaltfreie Kommunikation, GFK klingt künstlich, GFK und Klartext und Was heißt gewaltfrei?.

Über Markus Castro

Markus Castro arbeitet als Trainer für Gewaltfreie Kommunikation. Ihm ist wichtig, dass GFK Menschen nicht auf eine Rolle festlegt. Sie erweitert ihre Handlungsfreiheit.

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