GFK und Höflichkeit: Was ist der Unterschied?

Zwei Menschen sprechen höflich miteinander, wirken dabei jedoch auf Abstand.

Höflichkeit regelt vor allem die Form eines Gesprächs. Gewaltfreie Kommunikation fragt zusätzlich, ob du ehrlich sagst, was los ist, und ob die andere Person darauf antworten darf. Du kannst sehr höflich lügen, ausweichen oder Druck machen. Du kannst auch unbequem klar sein und dabei beim konkreten Verhalten, bei deiner Wirkung und bei einer echten Bitte bleiben.

Ein netter Ton kann viel verstecken

„Alles gut, mach du mal“ klingt freundlich. Es kann aber heißen: Ich bin sauer, traue mich nur gerade nicht, es zu sagen, und hoffe, dass du es merkst. Der Satz spart vielleicht fünf Minuten Reibung. Später kommt sie meistens wieder, nur mit mehr Material im Gepäck.

Höflichkeit hat ihren Platz. Niemand muss jeden Gedanken ungefiltert auf den Tisch werfen. Sie wird problematisch, wenn sie die eigentliche Botschaft verdeckt. Dann bekommt das Gegenüber eine glatte Oberfläche und soll erraten, was darunter los ist.

In der Gewaltfreien Kommunikation bleibt die Form wichtig, sie reicht nur nicht aus. Du sagst zum Beispiel: „Als der Entwurf heute ohne Rückfrage rausging, war ich irritiert. Mir ist Verlässlichkeit wichtig. Können wir vor dem nächsten Versand kurz zusammen draufschauen?“ Das ist kein besonders eleganter Satz. Er ist brauchbar, weil die andere Person weiß, worauf du dich beziehst und was du dir wünschst.

Die Frage ist: Darf es ein Nein geben?

Ein weiterer Unterschied zeigt sich erst, wenn die andere Person nicht mitgeht. Höflichkeit kann eine Forderung sehr freundlich verpacken. „Es wäre wirklich toll, wenn du das heute noch erledigst“ lässt offen, was passiert, wenn die Antwort Nein lautet.

Eine GFK-Bitte zeigt den Wunsch klarer und lässt eine Antwort zu. „Kannst du das heute übernehmen? Wenn es bei dir nicht geht, müssen wir zusammen eine andere Lösung suchen.“ Damit wird das Gespräch nicht automatisch angenehm. Es wird wenigstens ehrlich.

Klarheit kann unhöflich wirken, ohne übergriffig zu werden

Wer gewohnt ist, Konflikte über Andeutungen zu führen, erlebt einen klaren Satz schnell als schroff. Das heißt nicht automatisch, dass der Satz zu hart war. Vielleicht war die bisherige Umgangsform nur so indirekt, dass jede konkrete Aussage wie ein Angriff wirkt.

GFK verlangt deshalb keine freundliche Maske. Sie verlangt, dass du die Person nicht zur Ursache deines Innenlebens erklärst. „Du bist immer so rücksichtslos“ macht den anderen zum Problem. „Ich war enttäuscht, als du die Verabredung abgesagt hast, weil ich mich auf den Abend gefreut hatte“ ist auch kein Kompliment. Es lässt aber Raum für eine Antwort.

Wann Höflichkeit völlig reicht

Nicht jede Situation braucht ein tiefes Gespräch. Im Supermarkt, in einer kurzen Mail oder beim ersten Kennenlernen hilft Höflichkeit oft genau dabei, was sie soll: Menschen den Umgang miteinander leichter machen. GFK wird erst interessant, wenn etwas auf dem Spiel steht, wenn du dich wiederholt ärgerst, wenn eine Grenze nötig wird oder wenn ihr aneinander vorbeiredet.

Dann ist die alte Höflichkeit manchmal ehrlicher als eine aufgesetzte GFK-Formel. Ein schlichtes „Das passt für mich nicht“ trägt mehr als ein kunstvoller Satz, hinter dem du dich weiter versteckst.

Zum Weiterlesen

Wenn du die Grundlagen hinter dieser Art zu sprechen kennenlernen willst, lies Was ist Gewaltfreie Kommunikation nach Rosenberg?. Wie aus einem Vorwurf ein Satz über eine konkrete Situation wird, zeigt Wie formuliere ich eine Beobachtung ohne Bewertung?. Für typische Formulierungen im Alltag passt auch GFK-Beispiele: wie klingt Gewaltfreie Kommunikation im Alltag?.

Markus Castro, CNVC-zertifizierter Trainer für Gewaltfreie Kommunikation, Impact Institut

Schreibe einen Kommentar

Cookie Consent mit Real Cookie Banner