Warum eskaliert jeder Streit bei uns?

Warum eskaliert jeder Streit bei uns? (Titelbild)

Streit eskaliert nicht am Thema, er eskaliert an der Reihenfolge: Vorwurf, Verteidigung, Gegenangriff, und wieder von vorn, jede Runde eine Stufe lauter. Das Thema ist dabei austauschbar, dieselbe Spirale funktioniert mit Geschirr, Geld und Schwiegermüttern. Die gute Nachricht steckt in der Diagnose: Wenn die Reihenfolge das Problem ist, muss keiner von euch ein anderer Mensch werden. Es reicht, wenn einer von euch die Spirale früh erkennt und einen der drei Ausstiegspunkte nutzt.

Die Spirale, in Zeitlupe

So sieht der Ablauf aus, den ihr vermutlich auswendig kennt, nur eben in Echtzeit zu schnell zum Eingreifen. Es beginnt mit einem Vorwurf, oft einem kleinen: „Du hättest ja auch mal anrufen können.“ Der Angesprochene hört ein Urteil über sich und verteidigt: „Ich hatte den ganzen Tag Termine, das weißt du genau.“ Die Verteidigung wirkt auf die erste Person wie Abweisung ihres Anliegens, also legt sie nach, jetzt größer: „Es geht ja nicht nur um heute, das ist ja ständig so.“ Ab hier ist das ursprüngliche Thema tot, es geht um Charakterfragen, Bilanzsummen und darum, wer recht hat, und jede Runde liefert dem anderen neues Material.

Tückisch daran ist, dass beide aus ihrer Sicht defensiv handeln. Keiner erlebt sich als Angreifer, beide erleben sich als jemand, der sich gerade wehren muss, und beide haben damit sogar recht. Eskalation ist kein Charakterfehler von einem von euch, sie ist ein Systemfehler von dem Ding, das ihr zusammen baut.

Auslöser und Ursache sind zweierlei

Zur Mechanik gehört ein zweites Bauteil: Die Heftigkeit eurer Streits speist sich selten aus dem Anlass. Wenn ein vergessener Anruf eine Stunde Krieg auslöst, dann war der Anruf der Auslöser, die Ladung kam woanders her, aus einem Anliegen, das schon länger unerfüllt ist, Verlässlichkeit vielleicht, oder gesehen werden. Deshalb fühlen sich eskalierte Streits so unverhältnismäßig an, es wird gerade ein ganzes Lager leergeräumt, nicht ein Vorfall verhandelt.

Bei uns zuhause war ich jahrelang der, der grundsätzlich alles mit Wolfsohren gehört hat, meistens nach innen. Alles was ich mache ist verkehrt. Wenn ich nach drei Tagen Seminar nach Hause gekommen bin, und meine Frau mir nicht jubelnd um den Hals gefallen ist, dann hat das schon gereicht um einen Streit vom Zaun zu brechen. „Ich dachte du freust dich, dass ich wieder da bin, stattdessen bist du so abweisend!“ „Ich bin nicht abweisend, ich bin müde, unser Sohn hat drei Tage Bauchschmerzen gehabt und nur geschrien.“ „Jetzt soll ich wohl noch ein schlechtes Gewissen haben, dass ich arbeiten geh?“ Der Wortlaut ist jetzt nach all den Jahren rekonstruiert, aber von der Energie her war ich wirklich so bescheuert.

Irgendwann haben wir erkannt, dass zwei völlig fertige und gestresste Leute keine existenziellen Gespräche führen sollten. Lieber einmal stumm gegenseitig für ein paar Minuten in den Arm nehmen, und ich versuch seitdem, noch ne Nacht im Hotel dranzuhängen und morgens dann wenigstens ausgeruht zuhause anzukommen, als nachts um elf zu glauben dass meine Frau noch Kapazitäten für meine Emotionen hätte.

Falls eure Streits zusätzlich immer wieder dieselben sind, lohnt der Blick in den Artikel über den immer gleichen Streit, dort geht es um genau dieses Lager.

Die drei Ausstiegspunkte

Ausstieg 1: früh unterbrechen, mit Ansage. Die Spirale ist in den ersten drei Sätzen am leichtesten zu stoppen, danach steigen die Kosten. Das Werkzeug ist das Benennen dessen, was gerade passiert, ohne neuen Vorwurf: „Stopp, wir sind wieder im Muster. Ich will das klären, aber nicht so.“ Der Satz wirkt, weil er beide aus dem Film holt und auf die Zuschauerbank setzt, für einen Moment schaut ihr gemeinsam auf den Streit statt aufeinander.

Ausstieg 2: die Pause mit Rückkehrzeit. Ab einem gewissen Erregungsgrad redet niemand mehr klug, dann ist die Pause das einzige wirksame Werkzeug. Entscheidend ist der Zusatz: Eine Pause ist kein Weglaufen, wenn sie eine Rückkehrzeit hat. „Zehn Minuten, dann reden wir weiter“ ist Fürsorge für das Gespräch. Ohne Rückkehrzeit ist dieselbe Pause Mauern, und der zurückgelassene Partner heizt weiter, aus Angst, dass das Thema wieder versandet.

Ausstieg 3: die Reihenfolge umdrehen. Die Spirale lebt davon, dass auf jeden Angriff eine Verteidigung folgt. Sie stirbt, wenn stattdessen einmal Verstehen kommt: „Warte, du bist richtig sauer wegen dem Anruf, oder? Ging’s darum, dass du nicht wusstest, ob du mit mir planen kannst?“ Das ist der schwerste Ausstieg, denn er verlangt, mitten im Beschuss neugierig zu sein, und er ist der wirksamste, weil er das eigentliche Anliegen auf den Tisch holt, um das es die ganze Zeit ging.

Für alle drei gilt: Einer reicht. Es ist zwar schöner, wenn beide die Mechanik kennen, aber die Spirale braucht zwei Mitspieler, und sie endet, sobald einer aussteigt.

Wenn eure Streits regelmäßig in Schreien, Drohungen oder Angst enden, beschreibt dieser Artikel allerdings nicht eure Situation. Eine destruktive Dynamik entschärft kein Blogtext, dann ist Paarberatung dran, und zwar bald.

Rückwärts-Übung: Rekonstruiert euren letzten Streit rückwärts, jeder für sich, nicht zusammen. Sucht den Satz, ab dem es gekippt ist. Er liegt meist drei Sätze vor dem, den ihr erinnert, und er ist fast nie der schlimmste Satz des Abends, nur der erste aus der Spirale.

Flipchart: wie Ärger entsteht

Für danach

Arbeitsheft: das Gespräch nach dem Streit vorbereiten

Wenn der Streit eskaliert ist: Das 19-seitige Arbeitsheft führt dich in fünf Stationen vom Ärger zu einem Einstieg, einer Kernbotschaft und einer Bitte. Damit gehst du das Gespräch vorbereitet an statt im nächsten Affekt.

Zum Weiterlesen

Wenn eure Streits sich über das Hochschaukeln hinaus auch noch wiederholen, ist Warum wir immer denselben Streit führen die Fortsetzung. Die Regeln, die im Affekt halten, stehen in Fair streiten, das Handwerk für den akuten Moment in Gespräch deeskalieren. Und mit welchem inneren Ohr du Vorwürfe hörst, entscheidet der Artikel über die vier Ohren der GFK.

Die Spirale erkennt man am besten von außen: In unserem GFK Paar-Workshop schaut ihr gemeinsam drauf, und das kostenlose GFK Erlebnis-Webinar (90 Minuten) ist der kleinste Einstieg.

Markus Castro, CNVC-zertifizierter Trainer für Gewaltfreie Kommunikation, Impact Institut

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