Wie streiten wir fair?

Eine Frau und ein Mann sitzen sich gegenüber und diskutieren angeregt

Fair streiten funktioniert mit wenigen Regeln, die so einfach sind, dass sie auch im Affekt abrufbar bleiben: ein Stopp-Wort mit fester Rückkehrzeit, keine Archäologie, also nur der aktuelle Anlass, eine klar benannte Gürtellinie und Reparatur als fester Bestandteil des Streits. Und die wichtigste Regel über den Regeln: Vereinbart sie im Frieden. Im Streit erinnert sich niemand an Poster.

Warum die üblichen Regel-Listen scheitern

Zwei Strichfiguren im Widerspruch

Ratgeber liefern gern zehn oder zwölf Streitregeln, von „in Ich-Botschaften sprechen“ bis „aktiv zuhören“, und alle sind richtig. Das Problem ist der Zeitpunkt: Mitten im Streit läuft dein Gehirn im Alarmmodus, und in dem sind komplexe Verhaltensanweisungen schlicht nicht verfügbar. Eine Streitregel taugt deshalb nur, wenn sie unter Stress funktioniert, und das schaffen nur sehr wenige, sehr einfache. Alles Feinere, die saubere Beobachtung, das empathische Zuhören, gehört ins Gespräch danach, wenn beide wieder denken können.

Regel 1: Ein Stopp-Wort mit Rückkehrzeit

Jeder von euch darf den Streit jederzeit anhalten, ohne Begründung, ohne Diskussion. Das ist die wichtigste Regel, denn ab einem gewissen Erregungslevel sagt niemand mehr etwas Kluges, da wird nur noch Munition verschossen. Der entscheidende Zusatz ist die Rückkehrzeit: „Stopp, ich brauch eine Pause. In einer halben Stunde reden wir weiter.“ Eine Pause ohne Rückkehrzeit fühlt sich für die andere Person wie Verlassenwerden an und heizt den Streit weiter auf, eine Pause mit Zeitangabe ist Fürsorge für den Streit. Und die Rückkehrzeit gilt: Wer die Pause ausruft, holt das Gespräch auch wieder ab.

Regel 2: Keine Archäologie

„Und überhaupt, letztes Jahr im Urlaub hast du genau dasselbe gemacht!“ In dem Moment, in dem dieser Satz fällt, verdoppelt sich die Streitmasse, und der eigentliche Anlass ist verloren. Die Regel dagegen ist simpel: Gestritten wird über heute. Alles andere bekommt einen eigenen Termin, ernst gemeint: „Stopp, wir bleiben bei heute. Das vom Urlaub klären wir extra, versprochen.“ Wenn ein altes Thema immer wieder hochkommt, ist das übrigens ein verlässliches Zeichen, dass es nie fertig geklärt wurde, dann verdient es tatsächlich ein eigenes Gespräch statt eines Gastauftritts in jedem neuen Streit.

Regel 3: Die Gürtellinie wird benannt

Nach ein paar Jahren Beziehung kennt jeder die zwei, drei Sätze, die den anderen wirklich treffen: die Anspielung auf seine Familie, der Vergleich mit dem Ex, das „kein Wunder, dass dich niemand ernst nimmt“. Fair streiten heißt, diese Knöpfe zu kennen und nicht zu drücken, auch wütend nicht. Dafür müsst ihr sie einmal aussprechen, im Frieden: Was ist für dich unter der Gürtellinie? Das kostet Überwindung, denn ihr zeigt einander die weichen Stellen. Genau deshalb wirkt es, ein benannter wunder Punkt ist kein Zufallstreffer mehr, sondern eine bewusste Entscheidung, und die traut man dem anderen seltener zu.

Regel 4: Reparatur gehört zum Streit

Ein Streit ist nicht vorbei, wenn es still ist, er ist vorbei, wenn beide wieder verbunden sind. Plant die Reparatur ein wie den Abwasch nach dem Kochen: kurzer Rückblick, wenn beide runtergekühlt sind. Was war der wunde Punkt? Was hätte dir in dem Moment geholfen? Keine Neuauflage des Streits, fünf Minuten reichen. Paare, die das üben, verlieren die Angst vorm Streiten, und das verändert mehr als jede Deeskalationstechnik, denn die gefährlichsten Konflikte sind die vermiedenen.

Fair heißt nicht leise

Fair streiten heißt übrigens nicht flüstern. Ein fairer Streit darf laut sein, emotional und unbequem, solange die Gürtellinie hält und jeder pausieren darf. In unseren Seminaren unterscheiden wir heiße und kalte Konflikte: Der heiße wird ausgetragen, mit Temperatur, und braucht Achtsamkeit, damit er nicht eskaliert. Der kalte wird gar nicht mehr ausgetragen, man geht sich aus dem Weg, wird höflich und erledigt die Auseinandersetzung durch Rückzug. Von beiden ist der kalte der gefährlichere, weil ihn irgendwann niemand mehr als Konflikt erkennt, nicht mal ihr selbst. Wenn ihr streitet, ist das erstmal ein Zeichen, dass euch die Sache und der andere noch nicht egal sind.

Übung für euch beide: Vereinbart im Frieden genau zwei Regeln, mehr merkt sich unter Stress niemand: euer Stopp-Wort und eure Rückkehrzeit. Die anderen beiden Regeln könnt ihr nachrüsten, wenn die ersten zwei sitzen.

Zum Mitnehmen

Arbeitsheft: schwieriges Gespräch vorbereiten

Ein 19-seitiges Arbeitsheft, das dich in fünf Stationen vom ersten Ärger bis zu einem Gesprächseinstieg führt, den du dir zutraust. Nimm dir euren wunden Punkt vor und klär erst für dich, worum es dir geht, bevor ihr redet.

Zum Weiterlesen

Wie du im Streit sprichst, ohne anzugreifen, steht im Artikel über Ich-Botschaften, und was hinter dem Satz „Ich brauch eine Pause“ steckt, vertieft Grenzen setzen. Fürs Zuhören nach der Rückkehrzeit hilft empathisch zuhören, und die Spezialausgabe für die Feiertage gibt es unter Wie kommen wir ohne Streit durch Weihnachten?

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Markus Castro, CNVC-zertifizierter Trainer für Gewaltfreie Kommunikation, Impact Institut

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