Wie führe ich ein Konfliktgespräch?

Ein Konfliktgespräch führst du in drei Teilen: Vorbereitung, in der du klärst, was konkret passiert ist, was dein Anteil daran ist und was du als Ergebnis willst. Gespräch, in dem du die Situation ohne Urteil beschreibst, ihre Wirkung benennst und die Sicht des anderen ernsthaft anhörst. Und eine Vereinbarung, an der ihr beide später messen könnt, ob sich etwas geändert hat. Das Ziel des Ganzen ist Klärung. Wer als Sieger aus dem Raum gehen will, verlängert den Konflikt nur um eine Runde.

Woran du merkst, dass es Zeit ist

Strichfiguren im Gespräch

Ein verlässliches Zeichen: Du erzählst zuhause öfter von der Person als vom Projekt. Weitere Kandidaten sind E-Mails, die du dreimal umformulierst, Umwege über den Flur, um jemandem nicht zu begegnen, und Sarkasmus in Meetings, über den keiner lacht. Konflikte verschwinden nicht durch Warten, sie wechseln nur den Aggregatzustand, vom offenen Ärger in die zähe Dauerbelastung.

Für den Zeitpunkt gilt eine einfache Regel: Das Gespräch im Affekt ist der teuerste Fehler, du sagst Dinge, die du drei Gehälter lang bereust. Der zweitteuerste ist, es monatelang aufzuschieben, denn mit jeder Woche wächst der Berg, der zu besprechen wäre. Gut ist der Moment, in dem du wieder klar denken kannst und der Anlass noch frisch genug ist, um konkret zu werden.

Die Vorbereitung: drei Fragen und ein Anteil

Schreib vor dem Gespräch drei Sätze auf:

  1. Was ist konkret passiert? Ohne Adjektive über die Person. „Zweimal kam dein Review nach dem Abgabetermin“ funktioniert. „Du bist unzuverlässig“ funktioniert nicht, das ist eine Diagnose, und gegen Diagnosen verteidigen sich Menschen.
  2. Was hat es dich gekostet? Zeit, Vertrauen, Standing beim Kunden, Schlaf. Das ist der Teil, den dein Gegenüber meist gar nicht kennt.
  3. Was willst du als Ergebnis? Ein konkretes Verhalten, keine Gesinnungsänderung. „Reviews bis Donnerstag“ kann man vereinbaren, „mehr Engagement“ nicht.

Wenn dir der erste Satz nicht ohne Urteil gelingt, bist du noch nicht gesprächsbereit, dann warte einen Tag und versuch es noch mal. Und stell dir eine vierte Frage, die unbequemste: Was ist mein Anteil? Vielleicht hast du das Review nie klar terminiert, vielleicht bist du selbst schwer erreichbar. Du musst deinen Anteil nicht überbewerten, aber wenn du ihn kennst, kann dich im Gespräch niemand damit überraschen.

Der Einstieg entscheidet

Überfall zwischen Tür und Angel funktioniert nicht, kündige das Gespräch an und mach einen Termin: „Ich will mit dir in Ruhe was klären, hast du morgen 30 Minuten?“ Im Gespräch selbst nennst du zuerst Anlass und Absicht: „Ich will mit dir klären, wie wir mit den Reviews umgehen. Zweimal kam deins nach dem Abgabetermin, und ich stand beim Kunden ohne Prüfung da. Wie sieht das aus deiner Sicht aus?“

Dieser Einstieg leistet drei Dinge: Er sagt, worum es geht, er beschreibt einen überprüfbaren Vorgang statt eines Charakterzugs, und er gibt dem anderen sofort das Wort. Die Frage am Ende ist keine Höflichkeitsfloskel. Es gibt eine Version der Geschichte, die du nicht kennst, und du bist hier, um sie zu hören.

Im Gespräch: beschreiben, kennzeichnen, zuhören

Drei Handwerksregeln tragen durch den schwierigen Mittelteil. Erstens: Trenne, was du gesehen hast, von dem, was du dir daraus zusammengereimt hast, und kennzeichne den zweiten Teil als deinen: „Ich hab den Eindruck, dass dir das Projekt egal geworden ist. Stimmt das?“ So bleibt deine Interpretation eine Frage statt eine Anklage. Zweitens: Unterstelle probeweise gute Gründe. „Ich kann mir vorstellen, dass bei dir gerade drei Sachen parallel brennen“ öffnet mehr als jede Beweisführung. Drittens: Wenn der andere redet, hör zu, um zu verstehen. Wer beim Zuhören schon den Konter baut, führt kein Gespräch, der führt einen Schlagabtausch mit Pausen.

Wenn es hitzig wird

Auch gut vorbereitete Gespräche kippen manchmal. Dann helfen drei Stufen. Erst forderst du die Sachlichkeit ein: „Ich möchte das Gespräch gern sachlich weiterführen, lass uns über den eigentlichen Punkt reden.“ Wenn das nichts ändert, startest du neu: „Lass uns nochmal von vorn anfangen, das ist gerade schief abgebogen.“ Und wenn gar nichts mehr geht, vertagst du, statt durchzuziehen: „So wird das heute nichts. Lass uns morgen weiterreden, ich will das wirklich klären.“ Ein vertagtes Gespräch ist kein gescheitertes, ein eskaliertes schon.

Vereinbarung und Nachhalten

Am Ende steht ein Satz, den beide unterschreiben könnten: Wer macht was ab wann. Dazu ein Termin in zwei, drei Wochen, um kurz zu prüfen, ob es hält. Das klingt bürokratisch und ist das Gegenteil: Ohne Vereinbarung war das Gespräch nur ein Gefühlsaustausch, und in vier Wochen sitzt ihr wieder da.

Wenn du dagegen zwischen zwei streitenden Kollegen stehst, ist das kein Konfliktgespräch, das ist Moderation, ein anderes Werkzeug. Und bei Machtmissbrauch, Angst oder ständiger Abwertung ist das Zweiergespräch das falsche Format, dann brauchst du Rückendeckung: Vorgesetzte, HR, Betriebsrat.

Die Trennung von Beschreibung, Wirkung und Wunsch, die dieses Gespräch trägt, hat ihren Ursprung in der Gewaltfreien Kommunikation. Du musst dafür keine Methode lernen, nur diese eine Trennung ernst nehmen.

Zur Vorbereitung

Arbeitsheft: das Konfliktgespräch vorbereiten

Ein 19-seitiges Arbeitsheft durch die Vorbereitung: Dampf ablassen, deine Seite klären, die andere Seite mitdenken, Optionen entwickeln, den Einstieg bauen. Danach hast du Einstieg, Kernbotschaft und Bitte beisammen.

Zum Weiterlesen

Wenn der Konflikt weniger zwischen dir und einer Person liegt als im ganzen Team, hilft Wie spreche ich einen Konflikt im Team an?. Das kleinere Format für den Alltag, bevor etwas zum Konflikt wird, beschreibt Feedback geben, ohne dass es als Angriff ankommt. Für den Regeltermin mit Vorgesetztenrolle gibt es den Leitfaden fürs Mitarbeitergespräch, und wenn dein Thema eigentlich ist, dass jemand wiederholt über deine Linie geht, lies Grenzen setzen.

Wenn solche Gespräche in eurem Team gerade reihenweise anstehen: Wir begleiten Teams und Führungskräfte auch inhouse.

Markus Castro, Kommunikationstrainer (CNVC-zertifiziert), Impact Institut

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