Ich sitze in einem Seminar, die Trainerin fragt in die Runde: „Und, wie fühlst du dich gerade damit?“ Die Frau neben mir wird kleiner. Sie sagt irgendwann leise „gut, glaub ich“ und man merkt, das war geraten. In der Pause erzählt sie mir, dass sie diese Frage hasst, seit der Schule, weil sie da einfach nichts findet. Nur so ein diffuses Rauschen und die Angst, gleich wieder als verschlossen zu gelten.
Ich kenne das gut genug, um nicht klug daherzureden. Mein eigenes Gehirn ist auch nicht so gebaut, dass Gefühle da fein säuberlich beschriftet in Schubladen liegen. Und trotzdem baut die Gewaltfreie Kommunikation, so wie sie meistens gelehrt wird, genau auf dieser einen Annahme auf: Du spürst rein, findest das Gefühl, benennst es, und der Rest ergibt sich. Für viele funktioniert das. Für manche neurodivergente Gehirne ist genau dieser erste Schritt schon die Wand.
Was Alexithymie mit GFK zu tun hat

Es gibt einen Namen dafür, wenn dir das Benennen von Gefühlen schwerfällt: Alexithymie. Kein Krankheitsbild, eher eine Art, wie ein Nervensystem verdrahtet ist. Die Körperempfindung ist da, das Herz klopft, der Bauch zieht sich zusammen, aber die Brücke von der Empfindung zum Wort ist dünn oder fehlt streckenweise ganz. Unter ADHS-Erwachsenen ist das verbreitet, bei autistischen Menschen noch deutlich häufiger.
Wenn du so gestrickt bist, ist „spür mal rein, was ist da?“ keine Einladung. Es ist eine Prüfung, die du schon oft nicht bestanden hast, und Prüfungsangst macht noch weniger zugänglich. Der Zugang, den die GFK als den leichten verkauft, ist für dich der schwerste Teil. Da hilft es nichts, die Gefühlsliste noch einmal langsamer vorzulesen. Der Einstieg, der hier weiterhilft, fängt beim Körper an und stellt das Gefühlswort ans Ende; wie das geht, steht in Ich weiß nicht, wie es mir geht.
Einsortieren sollte sich hier aber niemand zu schnell. Der größte Teil der Leute, die bei mir im Seminar beim Gefühlswort ins Stocken geraten, hat das schlicht nie geübt: zu Hause wurde über sowas nicht geredet, im Beruf erst recht nicht, und irgendwann merkst du, dass für dein ganzes Innenleben eine Handvoll Vokabeln bereitliegt (zwei davon sind „gut“ und „stressig“). Fehlendes Training holt man nach, oft überraschend schnell. Der fehlende Zugang, um den es hier geht, ist die seltenere Sache.
Dahinter steckt ein Gedanke, der mir unsere Gefühlsliste anders gezeigt hat. Ein Kind lernt Gefühlswörter nicht dadurch, dass es in sich hineinhorcht, es bekommt sie von jemandem überreicht, der den Sturm mitbenennt, während er tobt: „Das war ein Schreck. Das tut jetzt weh. Das ist gleich wieder vorbei.“ So bekommt ein körperlicher Aufruhr zum ersten Mal einen Namen, einen Anfang und ein Ende. Wer dieses Wörterbuch nie gereicht bekommen hat, wächst mit einem intakten Gefühlsapparat auf, für den ihm die Vokabeln fehlen.
Ein Automatismus ist das trotzdem nicht. Es gibt reichlich Menschen mit harter Kindheit, denen Gefühlsworte leicht fallen, und reichlich mit einer warmen, denen sie fehlen. Rekonstruier bitte nicht rückwärts deine Kindheit, um zu erklären, warum dir gestern im Streit kein Wort eingefallen ist. Das Bild erklärt, warum eine lange Gefühlsliste bei manchen nichts auslöst. Als Beweismittel gegen die eigenen Eltern taugt es nicht.
Ich sag das als jemand, der GFK unterrichtet und trotzdem findet: An der Stelle ist die Methode nicht für jedes Gehirn im selben Zugang gebaut. Das ist keine Anklage, Marshall Rosenberg hat ein Werkzeug für Verbindung entworfen, kein neurologisches Universalmodell. Aber wenn wir so tun, als gäbe es nur die eine Tür, dann stehen ein paar Leute draußen und halten sich selbst für zu blöd zum Reingehen.
Der Beweis: bei dir kommt das Wort später, nicht gar nicht
Woran erkennst du, dass es diese Verdrahtung ist und nicht bloß Übungssache? Frag dich, wann das Gefühl bei dir ankommt. Oft ist es so: im Moment selbst nichts, nur Anspannung, und dann drei Stunden später unter der Dusche kommt es plötzlich klar. „Ach, verletzt war ich. Und ganz schön wütend.“ Das Gefühl ist da, es meldet sich nur nicht auf Zuruf.
Wenn dir mitten im Streit kein Gefühlswort einfällt, heißt das darum nicht, dass du keins hast. Dein System braucht länger für die Übersetzung. Eine GFK, die im Hier und Jetzt ein sauber benanntes Gefühl von dir verlangt, verwechselt Langsamkeit mit Leere.
Der Teil der GFK, der auch für dich trägt
Jetzt kommt die gute Nachricht, und die ist überraschend groß. Das Herzstück der GFK ist gar nicht das Gefühlsvokabular, es ist die Frage nach dem Bedürfnis, und Bedürfnisse lassen sich auch dann finden, wenn dir das Gefühl entwischt.
In der GFK unterscheiden wir zwischen einer Strategie und dem Bedürfnis darunter. Die Strategie ist der konkrete Weg, den du gerade willst, das Bedürfnis ist das, worum es dir im Kern geht. „Ich will, dass mein Kollege mir endlich rechtzeitig Bescheid gibt“, das ist eine Strategie; das Bedürfnis dahinter ist Verlässlichkeit, oder Planbarkeit. Diese Unterscheidung kannst du über Denken und Beobachten treffen, du musst dafür nicht in dich hineinspüren.
Das ist für viele neurodivergente Menschen ein ganz anderer Türgriff. Statt „was fühle ich“ reichen zwei nüchterne Fragen, die dein Kopf beantworten kann:
- Was war eigentlich los? Die reine Beobachtung, ohne Bewertung. Was ist passiert, was wurde gesagt, was hast du getan. So konkret wie ein Kameramitschnitt.
- Was hätte ich in dem Moment gebraucht? Ruhe, Klarheit, Respekt, Zeit für mich. Also das, was gefehlt hat, ganz ohne den Umweg über ein Gefühlswort.
Taucht dabei doch ein Gefühlswort auf, super, nimm es mit. Wenn nicht, ist es kein Beinbruch. Du kommst über „was war los, was brauchte ich“ an fast denselben Ort, nur durch eine andere Tür.
Wo die Grenze ehrlich sein muss
Eine Sache gehört dazu, sonst mach ich denselben Fehler wie die Skype-Trainer, die alles in neunzig Minuten auflösen. Wenn hinter der Schwierigkeit etwas Tieferes steckt, ein Nervensystem, das bei jeder wahrgenommenen Ablehnung Alarm schlägt, alte Verletzungen, echte Überwältigung, dann ist ein GFK-Wochenendseminar dafür der falsche Ort. Auch wenn es sich manchmal anders anfühlt, weil da endlich jemand zuhört. Für die tiefen Sachen braucht es Sicherheit, langsames Tempo und meistens Fachleute. GFK ist ein Alltagswerkzeug, keine Therapie, und diese Grenze ehrlich zu ziehen gehört für mich zur Methode.
Und damit hier keine neue Norm entsteht: Du musst diesen Umweg nicht nehmen, um GFK „richtig“ zu machen. Fällt dir das Benennen leicht, prima. Wenn nicht, ist der Bedürfnis-Weg kein Trostpreis für die, die es nicht draufhaben. Er ist schlicht ein zweiter Eingang ins selbe Haus.
Wenn dein Gegenüber die Frage nicht beantworten kann
Bis hierher ging es um dich. In meinen Seminaren sitzt aber regelmäßig die andere Seite, die Partnerin, der beste Freund, manchmal ein Elternteil, und in der Pause kommt dann die Frage, was sie eigentlich falsch machen. Meistens nichts, außer der Frage selbst. „Wie geht’s dir?“ hat für ein Gehirn, das die Übersetzung nicht zuverlässig hinbekommt, gar keine Antwortmöglichkeit, und dann kommt eben „gut“ zurück oder ein Schulterzucken.
Zwei andere Fragen kommen fast immer durch:
- „Was war heute anstrengend?“ Die zielt auf eine Situation, und Situationen sind erinnerbar. Da muss niemand in sich hineinhorchen, da muss jemand nur erzählen, was passiert ist.
- „Hättest du jetzt lieber Ruhe oder Gesellschaft?“ Die zielt auf ein Bedürfnis, und zwar in einer Form, die sich mit einem einzigen Wort beantworten lässt.
Das ist keine Kommunikationsakrobatik, das ist Empathie, die sich am Bedürfnis orientiert statt am Gefühlsvokabular. Wir erzählen diese Bewegung im GFK-Umfeld fast immer als Selbstempathie. Nach außen funktioniert derselbe Schritt genauso, und bei jemandem, dem das Gefühlswort fehlt, ist er oft der einzige, der überhaupt trägt.
Schwerer als die Fragen ist das Aushalten. Wenn trotzdem nichts kommt, ist das keine Auskunft über dich, kein Desinteresse und kein Beweis, dass ihr euch auseinandergelebt habt. Die Antwort kommt bei manchen erst abends beim Abwasch, wenn du das Gespräch längst abgehakt hast. Ich weiß, wie schwer das auszuhalten ist, wenn du selbst gerade Verbindung brauchst. Aber wer das Schweigen auf sich bezieht, fängt an nachzubohren, und Nachbohren macht die Tür schneller zu als jede unbeantwortete Frage.
Was ich Trainer:innen mitgeben würde
Falls du GFK weitergibst: Wenn jemand nach dem Gefühl sucht und nichts findet, ist das eine Information über seine Verdrahtung, kein Zeichen von Widerstand. Bau die zweite Tür gleich mit ein, „was war da los, und was hättest du gebraucht?“, da scheitert niemand dran. Der Unterschied entscheidet oft darüber, ob dieser Mensch wiederkommt oder sich für ungeeignet hält.
Und für den Moment, in dem jemand in der Übung bei Schritt zwei hängen bleibt, du kennst den Blick: wechsel die Frage. Nicht nachbohren, nicht dieselbe Frage langsamer und wohlwollender stellen, nicht die Gefühlsliste rüberschieben. Frag stattdessen, wo im Körper gerade am meisten los ist, und ob sich das eng anfühlt oder weit, warm oder kalt. Darauf findet fast jeder eine Antwort, und von dort kommt ihr weiter.
Das gilt auch andersherum, und ich sage das in Seminaren inzwischen von mir aus: Wenn du als Teilnehmerin merkst, dass die Frage bei dir ins Leere läuft, darfst du das laut sagen. „Mir fehlt dafür gerade die Sprache, können wir beim Körper anfangen?“ ist für mich eine nützliche Information über den Menschen vor mir. Wer darauf mit Nachdruck reagiert statt mit einer anderen Frage, hat die Übung nicht verstanden, und das liegt dann nicht an dir.
Zum Nachschlagen
Gefühls- und Bedürfnisliste in einem PDF
Beide GFK-Listen in einem PDF, Gefühlsvokabeln und Bedürfnisse zum Nachschlagen. Wenn dir im Moment kein Gefühlswort kommt, geh direkt zur Bedürfnisliste, das ist die zweite Tür aus diesem Artikel.
Zum Weiterlesen
Wie der klassische Weg über die Gefühle geht, für die, denen er liegt, steht in Wie benenne ich meine Gefühle?; wenn dir genau dieser Weg verschlossen bleibt, findest du den Einstieg über den Körper in Ich weiß nicht, wie es mir geht. Der Umweg aus diesem Text hängt ganz an der Frage aus Bedürfnis oder Strategie: was ist der Unterschied?, und was Empathie in der GFK überhaupt meint, bevor es ans Vokabular geht, klärt Was ist Empathie in der GFK? Wo GFK für ADHS-Gehirne etwas bringt und wo sie an Grenzen stößt, sammelt der Überblick Hilft GFK bei ADHS?
Wenn du das mal angeleitet ausprobieren willst statt allein mit dem Text: Unser kostenloses GFK Erlebnis-Webinar ist ein guter, druckfreier Ort dafür.
Markus Castro, CNVC-zertifizierter Trainer für Gewaltfreie Kommunikation, Impact Institut



