Wie gehe ich mit Wut um, ohne sie runterzuschlucken?

Warum klingt GFK so künstlich? (Titelbild)

Der Umgang mit Wut hat drei Schritte: anhalten, bevor du sprichst, das Urteil hinter der Wut finden und es in das übersetzen, was dir fehlt. Aus GFK-Sicht ist Wut nämlich ein Mix aus zwei Zutaten: einem echten Gefühl, das auf ein verletztes Bedürfnis zeigt, und einem Urteil im Kopf, das die Lautstärke macht. Das Gefühl ist wertvoll, es ist dein präzisester Alarm. Nur das Urteil führt dich in die Irre, denn es zeigt auf den Schuldigen statt auf das, was du brauchst.

Und falls du das hier nach einem Ausbruch liest, mit dem entsprechenden Kater: Wut ist kein Charakterfehler, sie ist ein Signal, und Menschen, die nie gelernt haben, das Signal zu lesen, kennen eben nur die zwei schlechten Optionen, schlucken oder explodieren. Es gibt eine dritte.

Woran du das Urteil erkennst

Achte auf die Wörter, die deine Wut begleiten: sollte, müsste, hätte mal lieber, immer, nie. „Er hätte mich fragen müssen“, „die sollte sich mal an Absprachen halten“. Das sind keine Gefühle, das sind Urteile, und sie haben eine Funktion: Sie halten dich auf Abstand zu dem, was unter der Wut liegt. Ärger überdeckt nämlich erstaunlich oft etwas Verletzlicheres, Enttäuschung, Schmerz, Angst, Einsamkeit. Wer diese Gefühle nie zulassen gelernt hat, wird stattdessen laut. Das erklärt auch, warum „Beruhig dich mal“ so zuverlässig das Gegenteil bewirkt: Es behandelt die Lautstärke und ignoriert den Alarm. Wut wegatmen ist Symptombehandlung. Interessant wird es erst, wenn du das Urteil hinter der Wut zu fassen kriegst.

Der Fünf-Schritte-Prozess aus dem Seminar

Diesen Ablauf machen wir in unseren Seminaren mit echten Situationen, er funktioniert auch allein mit Zettel und Stift, und zwar nach der Situation, in Ruhe.

  1. Lass die Urteile von der Leine. Denk an die Situation, die dich wütend gemacht hat, und schreib ungefiltert auf, was du denkst. Alles, auch das Unfaire, gerade das Unfaire. In der GFK nennen wir das die Wolfsshow: Du hörst deinen Urteilen ohne Zensur zu, statt sie zu unterdrücken. Sie sind der Rohstoff für Schritt zwei.
  2. Übersetz die Urteile in Bedürfnisse. Jedes Urteil ist der verunglückte Ausdruck von etwas, das dir fehlt. Der einfachste Trick: ins Gegenteil drehen. „Respektlos“ zeigt auf Respekt, „unzuverlässig“ auf Verlässlichkeit, „die interessiert doch nur ihr eigenes Zeug“ auf Gesehen-Werden. Sprich es innerlich als Ich-Satz aus: Darum geht es mir gerade.
  3. Hol dir den Auslöser als Beobachtung. Was hat die Person konkret getan, so wie eine Kamera es aufgezeichnet hätte? Oft ist das auslösende Moment überraschend klein, ein Blick, ein Tonfall, ein nicht beantworteter Gruß. Wenn beim Beschreiben neue Urteile hochkommen, zurück zu Schritt eins, das ist normal.
  4. Spür nach, was jetzt da ist. Wenn du dich mit dem Bedürfnis verbindest statt mit dem Urteil, verändert sich das Gefühl. Meist wird die Wut leiser und darunter zeigt sich das eigentliche Gefühl, Enttäuschung vielleicht, oder schlicht Erschöpfung.
  5. Entscheide, was du tust. Erst jetzt kommt das Gespräch, falls es eins braucht. Manche Wut erledigt sich in Schritt vier, weil sie mit dem Gegenüber weniger zu tun hatte als gedacht.

Zu Schritt fünf gehört ein Satz für den Akutfall, wenn die Wut mitten im Gespräch hochkocht: „Ich bin grad richtig sauer. Ich sag dir gleich, was los ist, ich muss erst kurz sortieren.“ Das ist keine Schwäche, das ist die Kurzfassung des ganzen Prozesses.

Die unbequeme Arbeitshypothese

In unseren Ausbildungen arbeiten wir mit einer bewusst steilen These: Deine Befindlichkeit hat nichts mit dem Gegenüber zu tun. Deine Wut kommt daher, dass eines deiner Bedürfnisse im Mangel ist, der andere hat nur den Alarm ausgelöst. Als Schuldumkehr wäre der Satz zynisch, so ist er nicht gemeint, und natürlich bleibt der andere für sein Verhalten verantwortlich. Als Arbeitshypothese aber ist der Satz Gold wert, denn er gibt dir die Handlungsfähigkeit zurück: Wenn deine Wut von deinem Bedürfnis erzählt, musst du nicht warten, bis der andere sich ändert, um wieder klarzukommen.

Eine ehrliche Grenze gehört dazu: Wenn deine Wut regelmäßig in Kontrollverlust kippt, wenn Dinge fliegen oder Menschen in deinem Umfeld Angst vor dir haben, dann ist ein Anti-Aggressions-Training oder eine Therapie der ehrlichere Weg als ein Kommunikationsartikel. Das eine schließt das andere nicht aus, aber die Reihenfolge zählt.

Das Wut-Protokoll: Vervollständige eine Woche lang nach jedem Ärger diesen Satz: „Ich bin wütend, weil ich…“ Das Wort danach muss von dir handeln, nicht vom anderen. „Weil ich seit Tagen keine Pause hatte“, „weil ich ernst genommen werden will“. Was sich da ansammelt, ist die Landkarte deiner wunden Punkte, und die ist nützlicher als jede Liste seiner Fehler.

Flipchart: wie Ärger entsteht

Zum Weiterlesen

Der Unterschied zwischen echten Gefühlen und Urteilen im Gefühlskostüm steht im Artikel über Pseudogefühle, das passende Wort für das, was unter der Wut liegt, findest du über Gefühle benennen. Der Prozess aus diesem Artikel ist angewandte Selbstempathie, und wenn deine Wut vor allem auf dich selbst zielt, lies bei den vier Ohren der GFK weiter, dort heißt diese Richtung Wolfs-Ohren nach innen.

Den ganzen Ärger-Prozess einmal angeleitet durchlaufen kannst du in unserem kostenlosen GFK Erlebnis-Webinar (90 Minuten).

Markus Castro, CNVC-zertifizierter Trainer für Gewaltfreie Kommunikation, Impact Institut

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