Was sind Pseudogefühle?

Schwarzweißaufnahme einer Hand über einer Rahmentrommel im Gras

Pseudogefühle sind Wörter, die wie Gefühle klingen, aber eine Anklage transportieren. Verpackt in Ich-Sprache. Die meisten Leute bemerken das erst, wenn das Gespräch schon schiefgelaufen ist. „Übergangen“, „ignoriert“, „manipuliert“: das sagt dir wenig darüber, wie es dem Menschen wirklich geht. Aber viel darüber, was er dem anderen vorwirft. Du erkennst sie an einem einfachen Test. Häng „von dir“ an das Wort. „Ich fühle mich übergangen von dir“ ergibt einen Satz, „ich fühle mich traurig von dir“ ergibt keinen.

In der Gewaltfreien Kommunikation ist das der dritte der vier Stolpersteine beim Durchleben von Gefühlen. Und der, an dem die meisten hängenbleiben. Denn die Sätze klingen so nach Gefühl, dass selbst der Sprecher ihnen glaubt.

Der Von-dir-Test

Werkzeugkarte: Gedanken in Gefühle übersetzen

Nimm einen beliebigen „Ich fühle mich…“-Satz und häng probeweise „von dir“ an. Dann siehst du sofort, was der Satz eigentlich tut. Ein echtes Gefühl verträgt diesen Anhang nicht, es findet in deinem Körper statt und braucht keinen Täter. Ein Pseudogefühl verlangt geradezu danach. Denn grammatisch ist es ein verkleidetes Passiv: übergangen worden, ignoriert worden, hintergangen worden. Sobald ein „worden“ in den Satz passt, beschreibst du eine Handlung des anderen, kein Gefühl. Du hast den Ort gewechselt: weg von dir, hin zur Anklagebank.

Die Logik dahinter: Wenn Verhalten bei dir, dann Gefühl bei mir. Das haben wir in den Knochen. Und solange wir in dieser Verdrahtung bleiben, macht jedes Gespräch über Gefühle automatisch den anderen zum Schuldigen. Egal wie sanft der Satz anfängt.

Wenn du den Von-dir-Test einmal mit Begleitung ausprobieren willst: In unserem kostenlosen GFK-Erlebnis-Webinar machen wir genau das.

Liste: die häufigsten Pseudogefühle

Diese Wörter tauchen in Seminaren am verlässlichsten auf, wenn wir nach Gefühlen fragen:

  • übergangen, ignoriert, nicht gesehen, nicht ernst genommen, nicht einbezogen
  • missverstanden, falsch verstanden
  • manipuliert, ausgenutzt, benutzt, hintergangen, getäuscht
  • im Stich gelassen, abgelehnt, abgewiesen, ausgeschlossen
  • bevormundet, bemuttert, herumgeschubst, unter Druck gesetzt, eingeengt
  • angegriffen, bedroht, beleidigt, provoziert

Was bei dieser Liste auffällt: Jedes Wort enthält einen versteckten Vorwurf. Wer „ich fühle mich manipuliert“ sagt, hat gerade jemanden einen Manipulator genannt. Nur mit freundlicherer Verpackung. Genau deshalb gehen bei deinem Gegenüber die Rollläden runter, obwohl du doch „nur von deinen Gefühlen“ gesprochen hast.

Die lange Liste: über 130 Pseudogefühle aus der Seminararbeit

Im Handout unseres Grundlagenseminars steht eine ausführlichere Sammlung. Sie zeigt, wie breit das Repertoire ist. Hier ein Auszug, alphabetisch sortiert:

abgelehnt, abgestoßen, abgewertet, abgewiesen, an der Nase rumgeführt, angegriffen, angeklagt, angeschwärzt, ausgelacht, ausgesperrt, bedrängt, bedroht, beeinträchtigt, beherrscht, behütet, bemogelt, bemuttert, benachteiligt, benutzt, beschuldigt, beschwindelt, bestohlen, bestraft, betrogen, dominiert, eingeschüchtert, eingesperrt, eingezwängt, erniedrigt, erpresst, erstickt, fallengelassen, geächtet, gebrandmarkt, gehänselt, geprellt, geringgeschätzt, gerügt, getadelt, getäuscht, herabgesetzt, heruntergemacht, hinters Licht geführt, ignoriert, in die Enge getrieben, ins Abseits gestellt, irregeleitet, isoliert, lächerlich gemacht, links liegen gelassen, manipuliert, minderwertig, missachtet, missbraucht, nicht akzeptiert, nicht gehört, nicht geliebt, reingelegt, schlechtgemacht, schuldig gesprochen, sitzen gelassen, terrorisiert, überarbeitet, überbeansprucht, überfahren, übers Ohr gehauen, übersehen, unterbewertet, unterschätzt, unverstanden, verachtet, verächtlich gemacht, verantwortlich gemacht, verdammt, verlassen, verleugnet, verleumdet, vernachlässigt, verraten, verspottet, verurteilt, weggeworfen, wertlos, zum Narren gehalten, zurückgelassen.

Die Länge der Liste ist kein Grund zur Panik. Die meisten Menschen greifen auf ein halbes Dutzend Favoriten zurück, immer dieselben. Schon diese sechs zu kennen lohnt sich.

Warum Pseudogefühle trotzdem nützlich sind

Ein Pseudogefühl ist im Seminar ein Wegweiser. Es zeigt dir ziemlich präzise, wo du die Verantwortung für dein Gefühl gerade beim anderen ablädst. Dahinter liegen immer zwei Dinge: ein echtes Gefühl und ein unerfülltes Bedürfnis. „Missverstanden“ heißt meistens frustriert, plus dem Wunsch, verstanden zu werden. „Eingeengt“ heißt oft gestresst, plus dem Bedürfnis, selbst zu entscheiden. Das sind verschiedene Auskünfte. Und sie verlangen verschiedene Antworten von dir.

Das Pseudogefühl zeigt nach außen, auf den anderen. Das echte Gefühl darunter zeigt nach innen, auf dein Bedürfnis. Erst mit dieser zweiten Information kannst du etwas anfangen.

Wie ein Pseudogefühl den Ton kippt

Die Übersetzung verändert den Satz spürbar. Statt „Ich fühle mich von dir übergangen“ wird daraus „Ich bin gerade echt enttäuscht, ich hätte gern mitentschieden.“ Der zweite Satz ist angreifbarer, er zeigt etwas von dir. Und genau deshalb kann dein Gegenüber antworten, ohne sich vorher verteidigen zu müssen.

Der Unterschied sitzt auch im Nebensatz. „Ich bin wütend, weil du zu spät kommst“ macht den anderen zur Ursache. „Ich bin enttäuscht, weil mir Verlässlichkeit wichtig ist“ bleibt bei dir. Erst dieser Satz lässt sich verhandeln, weil kein Schuldiger mehr drinsteht. Solange deine Gefühlswörter einen Täter brauchen, verhandelst du über Schuld. Sobald sie bei dir bleiben, verhandelst du über Bedürfnisse.

Wenn der Satz bei dir ankommt

Die Übersetzung funktioniert auch in die andere Richtung. Und dort wird es für viele Leute erst richtig spannend. Wenn jemand sagt „Ich fühle mich von dir komplett ignoriert“, kannst du den Vorwurf hören und in die Verteidigung gehen. Belege sammeln, das Gegenteil beweisen wollen. Aber du kannst denselben Satz auch als schlecht verpackte Auskunft hören: Da will jemand gesehen werden und kommt gerade zu kurz.

Du musst dem Vorwurf dafür nicht zustimmen. Verstehen heißt nicht einverstanden sein. Hol dir einen Campingstuhl raus und hör erstmal ein bisschen zu, was der andere eigentlich braucht. Bevor du anfängst zu sortieren. Eine mögliche Antwort: „Ignoriert find ich hart, aber dass du gerade zu kurz kommst, das glaub ich dir sofort.“

Mini-Übung für diese Woche

Nimm dir drei „Ich fühle mich…“-Sätze vor, die du in letzter Zeit gesagt oder gedacht hast. Mach den Von-dir-Test. Bei jedem Treffer frag dich zweierlei: Welches Gefühl steckt wirklich darunter? Und was hätte ich in dem Moment gebraucht? Du musst das nicht laut aussprechen, innerlich benennen reicht. Nach ein paar Wochen erkennst du deine Favoriten, bevor sie dir rausrutschen.

In Seminaren gibt es fast immer diesen einen Moment. Jemand schaut auf die Liste, lacht und sagt: „Das ist ja mein halber Wortschatz.“ Das ist kein schlechtes Zeichen, das ist der Anfang.

Zum Üben

Übungsblatt: Urteile in Bedürfnisse übersetzen

Das Übungsblatt zum Übersetzen von Urteilen in unerfüllte Bedürfnisse als PDF. Nimm einen Treffer aus deinem Von-dir-Test und finde, was wirklich darunter liegt.

Zum Weiterlesen

Wenn du nach der Übersetzung wissen willst, wie du das echte Gefühl darunter findest, hilft Gefühle benennen. Als Wortschatz dazu die Gefühlsliste. Der Von-dir-Test ist im Kern Selbstempathie in Kurzform; ausführlich steht sie in Was ist Selbstempathie?. Wo das Ganze ins Gesamtmodell gehört, zeigen die vier Schritte der GFK. Und wie du deine Urteile systematisch in Bedürfnisse übersetzt, erklärt der Artikel Urteile übersetzen.

Matthias Faust, GFK-Trainer, Impact Institut

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