Was sind Pseudogefühle?

Pseudogefühle sind Wörter, die wie Gefühle klingen, aber vor allem beschreiben, was ein anderer dir angeblich angetan hat. „Übergangen“, „ignoriert“ oder „manipuliert“ sagen wenig darüber, wie es dir geht, und viel darüber, was du dem anderen vorwirfst. Du erkennst sie an einem einfachen Test: Wenn sich „von dir“ ergänzen lässt, ist es ein Pseudogefühl. „Ich fühle mich übergangen von dir“ ergibt einen Satz. „Ich fühle mich traurig von dir“ ergibt keinen.

Der Von-dir-Test

Werkzeugkarte: Gedanken in Gefühle übersetzen

Nimm einen beliebigen „Ich fühle mich…“-Satz und häng probeweise „von dir“ an. Ein echtes Gefühl verträgt diesen Anhang nicht, weil es in deinem Körper stattfindet und keinen Täter braucht. Ein Pseudogefühl verlangt geradezu danach, denn es ist grammatisch ein verkleidetes Passiv: Ich bin übergangen worden, ignoriert worden, hintergangen worden. Sobald ein „worden“ in den Satz passt, beschreibst du eine Handlung des anderen, kein Gefühl. Im GFK-Sinn hast du dann den Ort gewechselt, weg von dir, hin zur Anklagebank.

Liste: die häufigsten Pseudogefühle

Diese Wörter tauchen in unseren Seminaren am verlässlichsten auf, wenn wir nach Gefühlen fragen:

  • übergangen, ignoriert, nicht gesehen, nicht ernst genommen, nicht einbezogen
  • missverstanden, falsch verstanden
  • manipuliert, ausgenutzt, benutzt, hintergangen, getäuscht
  • im Stich gelassen, abgelehnt, abgewiesen, ausgeschlossen
  • bevormundet, bemuttert, herumgeschubst, unter Druck gesetzt, eingeengt
  • angegriffen, bedroht, beleidigt, provoziert

Was auffällt: Jedes dieser Wörter enthält einen versteckten Vorwurf. Wer „ich fühle mich manipuliert“ sagt, hat gerade jemanden einen Manipulator genannt, nur mit freundlicherer Stimme. Genau deshalb gehen bei deinem Gegenüber die Rollläden runter, obwohl du doch „nur von deinen Gefühlen“ gesprochen hast.

Warum Pseudogefühle trotzdem nützlich sind

Wir behandeln Pseudogefühle im Seminar nicht als Fehler, die man sich abtrainiert, eher als Wegweiser. Ein Pseudogefühl zeigt dir präzise die Stelle, an der du die Verantwortung für dein Gefühl gerade beim anderen ablädst. Dahinter liegen immer zwei Dinge: ein echtes Gefühl und ein unerfülltes Bedürfnis. „Missverstanden“ heißt meist frustriert plus dem Wunsch, verstanden zu werden. „Eingeengt“ heißt oft gestresst plus dem Bedürfnis, selbst zu entscheiden.

Die Übersetzung verändert den Satz spürbar. Statt „Ich fühle mich von dir übergangen“ wird daraus: „Ich bin echt enttäuscht. Ich hätte gern mitentschieden.“ Der zweite Satz ist angreifbarer, er zeigt ja etwas von dir. Dafür kann dein Gegenüber darauf antworten, ohne sich vorher verteidigen zu müssen. Der Unterschied liegt auch im Nebensatz: „Ich bin wütend, weil du zu spät kommst“ macht den anderen zur Ursache. „Ich bin enttäuscht, weil mir Verlässlichkeit wichtig ist“ bleibt bei dir, und erst dieser Satz lässt sich verhandeln.

Wenn der Satz bei dir ankommt

Die Übersetzung funktioniert auch in Gegenrichtung. Wenn deine Frau sagt „Ich fühle mich von dir komplett ignoriert“, kannst du den Vorwurf hören und in die Verteidigung gehen, Belege sammeln, das Gegenteil beweisen. Du kannst denselben Satz aber auch als schlecht verpackte Auskunft über sie hören: Da will jemand gesehen werden und kommt gerade zu kurz. In der GFK nennen wir das die Giraffen-Ohren nach außen. Du musst dem Vorwurf dafür nicht zustimmen, verstehen heißt nicht einverstanden sein. Eine mögliche Antwort: „Ignoriert find ich hart. Aber dass du grade zu kurz kommst, das glaub ich dir sofort.“

Mini-Übung für diese Woche

Nimm dir drei „Ich fühle mich…“-Sätze vor, die du in letzter Zeit gesagt oder gedacht hast, und mach den Von-dir-Test. Bei jedem Treffer frag dich zweierlei: Welches Gefühl steckt wirklich darunter, und was hätte ich in dem Moment gebraucht? Mehr ist es nicht, und es reicht, das still für dich zu tun.

In den Seminaren gibt es übrigens fast immer den Moment, in dem jemand auf die Liste schaut, lacht und sagt: „Das ist ja mein halber Wortschatz.“ Das ist kein schlechtes Zeichen, das ist der Anfang.

Zum Üben

Übungsblatt: Urteile in Bedürfnisse übersetzen

Das Übungsblatt zum Übersetzen von Urteilen in unerfüllte Bedürfnisse als PDF. Nimm einen Treffer aus deinem Von-dir-Test und finde, was wirklich darunter liegt.

Zum Weiterlesen

Wenn du nach der Übersetzung wissen willst, wie du das echte Gefühl darunter findest, hilft Gefühle benennen, und als Wortschatz dazu die Gefühlsliste. Der Von-dir-Test ist im Kern Selbstempathie in Kurzform; ausführlich steht sie in Was ist Selbstempathie? Wo das Ganze ins Gesamtmodell gehört, zeigen die vier Schritte der GFK.

Und falls du deinen halben Wortschatz auf der Liste wiedergefunden hast: Im kostenlosen GFK Erlebnis-Webinar (90 Minuten) kannst du das Übersetzen live ausprobieren.

Markus Castro, CNVC-zertifizierter Trainer für Gewaltfreie Kommunikation, Impact Institut

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