Wie funktioniert eine Widerstandsabfrage?

Eine Widerstandsabfrage dreht die übliche Abstimmungsfrage um: Statt „Wer ist dafür?“ fragst du „Wie stark ist dein Widerstand, wenn wir uns für diesen Vorschlag entscheiden?“ Jede Person vergibt pro Vorschlag null bis zehn Widerstandspunkte, null heißt „kann ich gut mittragen“, zehn heißt „geht für mich gar nicht“. Dann werden die Punkte pro Vorschlag addiert, und umgesetzt wird der mit der niedrigsten Summe. Zustimmung ist billig, Widerstand ist Information, und genau die sammelst du hier ein.

Die Abfrage in sechs Schritten

  1. Optionen sammeln, Passivlösung dazu. Mindestens zwei echte Vorschläge plus immer die Passivlösung: Wir ändern nichts und machen weiter wie bisher. Sie ist die Messlatte, an der sich jeder Vorschlag messen lassen muss.
  2. Skala erklären. Null bis zehn, und die Enden klar benennen: Null bedeutet kein Widerstand, ich kann gut damit leben. Zehn bedeutet, das geht für mich gar nicht. Alles dazwischen nach Gefühl. Wichtig für Neulinge: Hier wählst du keinen Lieblingsvorschlag, du sagst für jede einzelne Option ehrlich, wie schwer sie für dich wiegt.
  3. Werte einsammeln. Reihum ansagen, auf Karten schreiben, in eine Tabelle eintragen oder digital mit unserer SK-App erfassen. Verdeckt sammeln lohnt sich, wenn Hierarchie im Raum ist, sonst orientieren sich alle an der Chefin.
  4. Summen bilden. Pro Vorschlag addieren. Bei unterschiedlich großen Gruppen pro Termin hilft der Durchschnitt statt der Summe.
  5. Hohe Einzelwiderstände anhören. Bevor entschieden wird, kommen die Menschen mit hohen Werten zu Wort, etwa ab sechs oder sieben. Ihr Widerstand ist kein Veto, er ist Information: Was kommt zu kurz? Was bräuchte es, damit dein Widerstand sinkt? Oft entsteht in dieser Runde eine verbesserte Variante, die danach kurz nachkonsensiert wird.
  6. Entscheiden. Der Vorschlag mit dem geringsten Gesamtwiderstand wird umgesetzt. Er ist selten irgendjemandes Lieblingslösung, und er ist die Option, die die Gruppe als Ganzes am wenigsten spaltet.

Ein Beispiel mit echten Zahlen

Aus unserem Seminarmaterial: Ein Projektteam mit neun Leuten hängt zwei Wochen hinter dem Zeitplan und konsensiert die Frage „Wie gehen wir mit dem Zeitverzug um?“. Vier der Optionen im Ergebnis:

Vorschlag Gesamtwiderstand (9 Personen)
Prioritäten neu sortieren, stabiler Kern zuerst 20
Scope reduzieren, Inhalte streichen 38
Zwei Wochen Überstunden-Endspurt 48
Passivlösung: weitermachen wie bisher 81

Zur Einordnung: Bei neun Personen ist 90 der maximal mögliche Widerstand. Die Passivlösung mit 81 sagt also, dass praktisch niemand so weitermachen will, das allein ist schon ein Ergebnis. Die Überstunden, die vorher in einer knappen Mehrheitsabstimmung fünf zu vier gewonnen hatten, landen mit 48 nur im Mittelfeld. Und der Sieger mit 20 Punkten stand bei der Abstimmung gar nicht erst zur Wahl, er ist erst beim Sammeln der Optionen entstanden. Genau dieses Muster siehst du in der Praxis ständig: Der Abstimmungssieger und der Konsensierungssieger sind selten dieselbe Option.

Die Kurzform für zwischendurch

Für Alltagsentscheidungen im Meeting reicht die Handzeichen-Variante, ganz ohne Tabelle: Hand aufs Herz heißt kein Widerstand, eine Hand nach vorn leichter Widerstand, zwei Hände starker Widerstand. Vorschlag nennen, Hände zählen, mit der Alternative vergleichen, fertig in einer Minute. Die Grundregeln bleiben dieselben: Vorschlag positiv und konkret formulieren, und bei sichtbarem Widerstand kurz fragen, was dahintersteckt.

Was Trickser erwartet

Die Frage kommt in jedem Seminar: Kann ich das System nicht austricksen, indem ich meiner Lieblingsidee null Punkte gebe und allen anderen zehn? Kannst du, einmal. Wenn deine Wunschlösung trotzdem verliert, hast du durch das Extrembewerten auf jede Differenzierung verzichtet und bist den Präferenzen der anderen komplett ausgeliefert. Die SK-Erfinder nennen das systembedingte Selbstreinigung: Strategisches Bewerten schadet vor allem dem, der es betreibt. In der Praxis bewerten Menschen ab der zweiten Runde ehrlich, weil sich das schlicht mehr lohnt. Hilfreich ist dafür auch, mehr als zwei Optionen auf der Liste zu haben, je mehr brauchbare Vorschläge, desto weniger bringt Taktik.

Fang klein an: Übe die Abfrage zuerst an einer Entscheidung mit niedrigem Einsatz, dem Ort der Weihnachtsfeier oder dem Termin für die Retro. Die Gruppe lernt die Mechanik an einem Thema, bei dem nichts schiefgehen kann, und beim ersten echten Streitthema müsst ihr nur noch das Verfahren abrufen statt es zu erklären. Für die erste richtige Runde gibt es die leere Widerstands-Tabelle als PDF zum Ausdrucken und Eintragen.

Ohne Zettelwirtschaft

Die SK-App: Widerstände digital erfassen

Unsere kostenlose Web-App nimmt dir das Rechnen ab. Vorschläge anlegen, Widerstände bewerten, Summen und Rangfolge ablesen, direkt im Browser.

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Zum Weiterlesen

Das Prinzip hinter der Abfrage, samt Herkunft und der Abgrenzung zu Konsens und Kompromiss, erklärt der Grundlagenartikel Was ist Systemisches Konsensieren?. Wann sich der Aufwand lohnt und wie du den Entscheidungsmodus vorher klärst, steht in Entscheidungen im Team treffen. Und warum es hilft, vor dem Optionen-Sammeln die Anliegen aller zu hören, begründet Bedürfnis oder Strategie.

Wenn du das Verfahren einmal live erleben willst, bevor du es moderierst: Wir zeigen es in unseren SK-Webinaren, und für alle, die selbst moderieren wollen, gibt es eine eigene Moderationsausbildung.

Markus Castro, CNVC-zertifizierter Trainer für Gewaltfreie Kommunikation, Impact Institut

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