Warum du auch mit GFK „zu empfindlich“ bist, und wie du das ändern kannst

Mann mit Locken und Brille sitzt mit MacBook und Smartphone am Tisch, blickt nachdenklich zur Seite, im Hintergrund grüne Pflanze.

Du schickst deinem Kollegen einen Entwurf, an dem du zwei Abende gesessen hast, und zurück kommt ein einziges Wort: „Passt.“ Kein Punkt dahinter, kein zweiter Satz, nichts. Während du noch auf den Bildschirm siehst, ist die Sache in dir längst entschieden: der ist genervt, du hast zu lange gebraucht, das war zu viel des Guten. Dass „Passt.“ genauso gut heißen kann, dass er zwischen zwei Terminen sitzt und froh ist, einen Haken setzen zu können, fällt dir dann stunden später beim einschlafen ein, und da ist der Tag schon gelaufen.

Inzwischen passiert mir das nicht mehr so häufig, aber ich kann mich an viele Situationen in den letzten 20 Jahren erinnern, die genauso abgelaufen sind. Ich lese ein ‚Ok‘ und bin innerlich dabei, mir neue Freunde zu suchen. Und dann versuch ich mir zu sagen, dass da nur ein Wort steht, ein einziges verdammtes Wort, aber es hilft nicht. Wenn du das kennst, und es dir regelmäßig den Stecker zieht, dir geht es nicht alleine so.

Was ist Rejection Sensitive Dysphoria?

RSD, oder auf Deutsch Zurückweisungsempfindlichkeit klingt nach einer einzelnen Eigenschaft, nach etwas, das bei den einen stärker ausgeprägt ist als bei den anderen. Wenn man genauer hinsieht, zerfällt sie in drei Teile, die nacheinander kommen.

  • Die Erwartung. Du rechnest damit, abgelehnt zu werden, bevor überhaupt etwas passiert ist. Du gehst schon angespannt ins Gespräch und öffnest die Mail mit dem Gefühl im Bauch, dass gleich etwas Unangenehmes darin steht.
  • Die Wahrnehmung. Du erkennst Zurückweisung schneller als andere, vor allem dort, wo eine Situation mehrdeutig ist. Wo deine Kollegin ein knappes Wort liest, liest du eine Ansage.
  • Die Reaktion. Sie fällt heftig aus, und sie hält länger an, als du es dir selbst zugestehen würdest.

Wir bemerken meistens nur Teil drei, also die Reaktion, und versuchen dann, aus dem Zustand wieder rauszukommen oder geben Ratschläge fürs Runterkommen. Dabei sitzt die Empfindlichkeit schon ganz vorne im Ablauf. Wer damit rechnet, abgelehnt zu werden, findet dafür fast immer einen Beleg, weil der Alltag genug knappe Antworten, offene Nachrichten und volle Kalender hergibt, aus denen sich einer bauen lässt.

Die Vorhersage ist fertig, bevor die Mail offen ist

Dein Gehirn wartet nicht ab, bis alle Informationen da sind, um dann in Ruhe zu entscheiden, was gerade passiert. Es arbeitet als Vorhersageapparat: Es hat ein Modell davon, was als Nächstes kommt, und dieses Modell färbt die Einordnung mehrdeutiger Signale schon ein, lange bevor du bewusst mitbekommst, dass du überhaupt etwas eingeordnet hast. Deshalb gibt es kein langsames Anschwellen und keine Sekunde zwischen Reiz und Einschlag, in der du hättest eingreifen können. Die Vorhersage war geladen, bevor du die Mail geöffnet hast.

Das erklärt nebenbei, was am eigenen Erleben am meisten verwirrt: warum es fast immer die kleinen, unklaren Anlässe trifft und selten die großen, eindeutigen. Eine Vorhersage hat genau dort das Sagen, wo wenig zum Abgleichen da ist. Bei einer ausführlichen Rückmeldung mit drei Absätzen gibt es Material, an dem sich dein Wolf stoßen kann, und manchmal merkt er sogar, dass es gar nicht so schlimm ist; bei einem „Passt“ gibt es fast nichts abzugleichen, also füllt dein Wolfs-Modell die Lücke mit dem, was es ohnehin erwartet hat.

Wo die GFK tatsächlich ansetzt

Die Unterscheidung zwischen Beobachtung und Bewertung, der erste der vier Schritte, arbeitet an Teil zwei. Sie fragt, was eine Kamera aufgezeichnet hätte, und sie stellt das daneben, was dein Kopf daraus gemacht hat. „Er hat mit einem Wort geantwortet“ auf der einen Seite, „er hat die Nase voll von mir“ auf der anderen, und dazwischen liegt die Stelle, an der aus dünner Information eine Geschichte wird und an der sich tatsächlich etwas machen lässt.

Der Handgriff dafür ist unspektakulär und wird deshalb gern unterschätzt: bemerken, dass du gerade auffüllst, und nachfragen, statt zu raten. Sagbar klingt das ungefähr so: „Bei deinem ‚Passt‘ hab ich mir gerade eine ganze Geschichte gebaut, und bevor ich damit weitermache, frag ich lieber. War das nur schnell zwischendurch, oder ist da was?“ Ein eleganter Satz ist das nicht, er holt aber Information dorthin, wo vorher keine war, und nimmt deiner Vorhersage die Lücke weg.

Was dieser Handgriff nicht leistet: Er fasst Teil eins nicht an, die Erwartung bleibt, wo sie ist, auch wenn du hundertmal sauber beobachtest. Sie verändert sich über wiederholte neue Erfahrung, über Monate, in denen dein Nachfragen tatsächlich harmlose Antworten bekommt, und das ist eine ganz andere Zeitrechnung als die eines Seminarwochenendes.

Wer weiß, wo ein Werkzeug greift, verlangt nicht das Falsche von ihm und wirft es auch nicht weg, wenn es das Falsche nicht liefert. Die GFK wird durch so eine Grenzziehung kleiner in dem, was sie verspricht, und genauer in dem, was sie hält. Ich finde das einen guten Tausch.

Vor 15 Jahren war ich Assistent auf einem sehr intensiven GFK Seminar. In einer Übung war ich nicht so empathisch, wie ich mir das gewünscht hätte, und hab danach mit der Trainerin darüber geredet. Ich werde nie vergessen, wie ich mit Ulrike in Oberlethe um den kleinen Teich gelaufen bin, sie hörte mir geduldig und empathisch zu, und als ich bereit dafür war schaute sie mir durchdringend in die Augen und fragte nur: „War das Realität, oder ein Film in deinem Kopf?“ Seitdem heißt der Wolf bei mir auch Kopfkino, um mich daran zu erinnern, nicht jeden Film zu glauben.

Warum „du bist zu empfindlich“ es schlimmer macht

Der Satz fällt in solchen Lagen oft, meistens von Leuten, die es gut meinen und keine Lust mehr auf die x.te Klärungsrunde haben. Im GFK-Sinn ist das eine Diagnose, weil er über die Person redet und nicht darüber, was vorgefallen ist. Der eigentliche Schaden liegt woanders: Der Satz bestätigt exakt die Erwartung, um die es geht, nämlich dass mit dir etwas verkehrt ist und die anderen es früher oder später merken. Wer ihn oft genug hört, wird nicht unempfindlicher, er wird wachsamer.

Für die Leute auf der anderen Seite, die sich fragen, warum ihre Beteuerungen so wenig bewirken, ist die Nachricht ähnlich unbequem: „Ich mag dich doch“ ist ein guter Satz, er wirkt nur nicht als Argument. Ein einzelnes Gegenbeispiel widerlegt keine Erwartung, die über Jahre entstanden ist; es zählt erst als eines von vielen, über Wiederholung, unspektakulär und ziemlich langweilig. Das ist das Undankbarste, was ich Partner:innen in einem Seminar sagen kann, und es ist trotzdem das Ehrlichste, was ich habe.

Die vier Wege, auf denen die Sache unsichtbar wird

Über die Reaktion wird viel geredet, weil man sie sieht. Über das, was Menschen tun, um gar nicht erst in die Lage zu kommen, redet fast niemand, dabei richtet das im Leben oft mehr an.

  • Anpassung. Du sagst zu, was du nicht willst, widersprichst nicht, machst dich klein, und alle finden dich angenehm.
  • Perfektionismus. Wenn nichts angreifbar ist, kann auch nichts kritisiert werden. Das funktioniert eine Weile und kostet dich alles.
  • Das Nichtgefragte. Du fragst nicht nach der Gehaltserhöhung, du bewirbst dich nicht, du sprichst die Person nicht an, weil ein Nein zu teuer wäre. Von außen sieht niemand, was hier gerade nicht passiert.
  • Rückzug im Voraus. Du beendest, bevor beendet wird. Von außen sieht das nach Desinteresse aus und ist von innen das Gegenteil.

Alle vier funktionieren kurzfristig, jeder einzelne verschafft dir einen ruhigeren Nachmittag. Und alle vier bestätigen langfristig genau die Annahme, vor der sie dich schützen sollen. Wer nie fragt, bekommt nie ein Ja, das die Erwartung widerlegen könnte.

Deshalb ist die Bitte mehr als Gesprächstechnik

Den vierten Schritt, die Bitte, begründen wir normalerweise damit, dass dein Gegenüber ja wissen muss, was du eigentlich willst, weil Andeutungen selten ankommen. Das stimmt auch. Daneben gibt es ein zweites Argument, das mir inzwischen wichtiger geworden ist: Die Bitte ist die einzige Stelle im ganzen Ablauf, an der du an Teil eins überhaupt herankommst.

Jedes Mal, wenn du etwas Kleines, Konkretes, Erfüllbares aussprichst („Magst du heute Abend zwanzig Minuten mit mir rausgehen?“, „Kannst du mir kurz zuhören, ich bin gerade durcheinander“), lieferst du deinem inneren Hellseher neues Material. Manchmal kommt ein Ja, und dieses Ja ist der Beleg, den die Erwartung in all den Jahren nie bekommen hat. Manchmal kommt ein Nein, und das ist ebenfalls Material, weil danach die Welt weiterläuft und die Beziehung noch da ist. Deswegen ist es fast gleichgültig, wie groß die Bitte ausfällt. Es geht darum, dass du das Bitten überhaupt übst.

Fang bei jemandem an, bei dem du dir ziemlich sicher bist. Ausgerechnet in dem Gespräch, in dem am meisten davon abhängt, ändert sich eine Erwartung nämlich nicht.

Wo GFK aufhört

Bei manchen Menschen hat die Zurückweisungsempfindlichkeit eine lange Vorgeschichte. Wenn die Erwartung aus Jahren kommt, in denen Ablehnung häufig und real war, dann ist das biografische Arbeit und in vielen Fällen Therapie. Ein Kommunikationswerkzeug hilft dir, die nächsten zwanzig Gespräche weniger beschädigt zu führen, es trägt aber nicht den Boden darunter, und ein Wochenendseminar schon gar nicht. Das zu sagen finde ich wichtiger als die Zusage, die vier Schritte deckten alles ab.

Praktisch an der Dreiteilung ist, dass du im Moment selbst nachsehen kannst, an welcher Stelle du gerade stehst. Wenn du merkst, dass du schon angespannt in die Situation gegangen bist, arbeitest du an der Erwartung, und das dauert. Wenn du merkst, dass du aus einem knappen Wort eine ganze Geschichte gebaut hast, arbeitest du an der Wahrnehmung, und da hilft dir das Nachfragen noch heute.

Zum Weiterlesen

Wie du eine Beobachtung formulierst, der dein Gegenüber zustimmen kann, steht in Wie formuliere ich eine Beobachtung ohne Bewertung?. Wenn dich interessiert, wie daraus am Ende eine Bitte wird, die ein Nein aushält, lies Wie formuliere ich eine Bitte in der GFK? und daneben Bitte oder Forderung: woran erkenne ich den Unterschied?. Die vier Vermeidungswege in ihrer alltäglichsten Form beschreibt People Pleaser: raus aus dem Dauer-Ja, und warum dieses Muster bei ADHS besonders häufig auftritt, ordnet Rejection Sensitive Dysphoria bei ADHS ein.

Wenn du das Nachfragen einmal angeleitet üben willst statt allein am Schreibtisch: Unser GFK Erlebnis-Webinar (90 Minuten) ist kostenlos.

Markus Castro, CNVC-zertifizierter Trainer für Gewaltfreie Kommunikation, Impact Institut

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