Wie schön, dass du meine Bedürfniskarten in den Händen hältst. 😊
Ich freue mich sehr, dich auf eine kleine Entdeckungsreise einzuladen: Auf den nächsten Seiten findest du einige meiner Lieblingsübungen, die ich seit vielen Jahren in Seminaren und Coachings einsetze. Sie helfen dabei, sich selbst und die eigenen Bedürfnisse auf eine ganz neue, lebendige Weise zu erforschen.
Einige Übungen sind für Gruppen gedacht, andere kannst du wunderbar im Einzelcoaching oder für deine eigene Selbstreflexion nutzen. Fühl dich frei, die Anregungen an deine eigene Arbeit anzupassen!
Ich wünsche dir viel Freude beim Ausprobieren, und viele berührende Momente der Verbindung, mit dir selbst und mit anderen.
Die komplette Anleitung bekommst du am Ende dieser Seite auch als PDF zum Ausdrucken und Mitnehmen ins Seminar.
Arbeit mit Gruppen
Bedürfnisreise
Meine Lieblingsübung, um Anfängern die abstrakten Bedürfnisbegriffe näher zu bringen. Durch den anschließenden Austausch in der 3er-Gruppe können sich einzelne öffnen und es entsteht schnell Vertrauen und ein tiefer Austausch.
Durchführung. Leg die Karten mit Bedürfnisbegriffen (am besten in der laminierten Version, Din A4) verstreut im ganzen Raum.
So sage ich es an, finde die Worte, die für dich passen (mit ruhiger, lauter, entspannter Stimme):
„Ich lade dich ein, aufzustehen, und dann geh mal durch den Raum, und schau mal, was dir da so an Bedürfnissen begegnet, vielleicht alte Bekannte, vielleicht unbekannte, vielleicht auch das eine oder andere Bedürfnis, mit dem du noch gar nichts anfangen kannst, und geh vielleicht mal ganz bewusst ein bisschen langsamer durch den Raum, als du es normalerweise machen würdest.
Und dann bleib mal bei der nächsten Bedürfniskarte stehen, schau sie dir an und lass sie auf dich wirken, wie steht es grade um dieses Bedürfnis? Ist es erfüllt, unerfüllt, geschmacksneutral? Wie fühlt sich das an? Dann komm langsam wieder in Bewegung, vielleicht gibt es ein Bedürfnis in der Nähe, was damit zusammenhängt, was spricht dich grade an? Wenn du ein weiteres Bedürfnis gefunden hast, stell dich auf die Karte, lass es auf dich wirken, und spüre nach, wie es um dieses Bedürfnis bestellt ist, wie voll ist dein Bedürfnis-Akku grade?“
Insgesamt für 3 bis 5 Bedürfnisse wiederholen, darauf achten, dass der gesamte Raum erkundet wird.
„Geh noch ein letztes Mal durch das Meer an Bedürfnissen, und wenn du dich gleich hinsetzt, nimm bitte in Gedanken 3 bis 5 Bedürfnisse mit, die für dich relevant sind.“
Anschließend Zeichenblöcke und Zeichenstifte verteilen.
„Nimm jetzt die Bedürfnisse, die für dich relevant waren, und mal für jedes ein Gefäß auf dein Blatt. Je größer, desto wichtiger ist das Bedürfnis für dich. Von Fingerhut bis Swimming Pool ist alles erlaubt. Schreib dann das Bedürfniswort darunter und markier intuitiv den Füllstand, ohne lange nachzudenken.“
Fürs Malen der Bedürfnisgläser etwa fünf Minuten einplanen, und so gehst du dabei vor:
- Bedürfniswörter aufschreiben
- Da drüber jeweils ein Gefäß: Form und Größe entsprechen dem, was sich für dieses Bedürfnis stimmig anfühlt
- Aus dem Bauch raus Füllstand malen
- Kein Anspruch auf künstlerische Perfektion
Einteilen in 3er-Gruppen:
„Ihr zeigt gleich einander eure Bedürfnisgläser und lasst es gleichzeitig auf euch wirken:
- Womit hängt das zusammen?
- Wieso hab ich den Füllstand dahin gemalt?
- Wie fühlt sich das an, wenn ich mir das so ansehe?
Eine Person erzählt, die anderen beiden hören ganz entspannt zu. Auch Stille ist willkommen. Einigt euch, wer ist A/B/C.“
A erzählt, B und C hören ganz entspannt zu. B erzählt, A und C hören zu.
Ansagen am Anfang und zwischendurch (um den Austausch zu fokussieren und zu verlangsamen): „Eine Minute noch, bring deinen Satz dann noch zu Ende, pling. Schließ noch einmal die Augen, atme tief durch, lass nachklingen, was du gesagt hast, oder was du gehört hast. Und beim nächsten Ton hat dann B die Gelegenheit, 10 Minuten zu erzählen, was du gemalt hast, womit das zusammenhängt, wie sich das anfühlt, und A und C hören ganz entspannt zu, 10 Minuten, pling.“
- Anfänger: 5/5/5 min
- Fortgeschrittene: 10/10/10 min
Anschließend 2 bis 5 min zum Austausch in der Kleingruppe. Wenn Zeit ist, Reflexion in der Großgruppe.
Blitzlicht
Die Karten liegen um die Mitte angeordnet.
Variante 1: Aufgedeckt. Jeder zieht ein bis zwei Karten zu einer vorgegebenen Frage und erzählt im Blitzlicht:
- Was hat mich heute hergeführt?
- Welche Bedürfnisse erfülle ich mir mit meiner Anmeldung für dieses Seminar?
- Warum spricht mich dieses Bedürfnis gerade an?
Variante 2: Verdeckt. Jeder zieht drei Karten verdeckt und erzählt im Blitzlicht oder in der Kleingruppe:
- Wie erfüllt ist dieses Bedürfnis in meinem Leben?
- Was hat mich gezogen und warum?
Selbstreflexion
Für dich selbst: deine Bedürfnis-Füllstände
Wähle deine derzeit wichtigsten Bedürfnisse aus dem Stapel und schreibe sie unter die Töpfe. Markiere dann den zugehörigen Füllstand, ohne lange darüber nachzudenken.
Nimm dir jetzt ein paar Minuten zum Reflektieren über die folgenden Fragen, alleine oder zu zweit:
- Wie fühlst du dich, wenn du deine Füllstände auf dich wirken lässt?
- Welche Strategien benutzt du, um deine Bedürfnisse zu füllen?
- Was kannst du in nächster Zeit tun, um diese wichtigen Qualitäten noch stärker in dein Leben zu bringen?
Bedürfnis-Taro
Ziehe drei Karten zufällig aus dem Stapel. Frage dich:
- Wie erfüllt ist dieses Bedürfnis aktuell in meinem Leben?
- Was kann ich heute tun, um mich darum zu kümmern?
Die Karten können dich über den Tag hinweg begleiten und du kannst dich immer mal wieder daran erinnern. Abends kannst du die Bedürfnisgläser benutzen, um ein Resümee zu ziehen.
Deine persönliche Übersicht zum Ausfüllen und Sammeln in eigenen Worten
Auf den Blanko-Karten kannst du die Bedürfnisse, die dir wichtig sind, eintragen. Mach sie dir zu eigen: Wie würdest du sie nennen? Welche Formulierung, welche Ordnung ist für dich stimmig?
Schnapp dir dafür den Stapel und geh sie einzeln durch. Bei welchem spürst du Resonanz? Welche Begriffe sind für dich aufgeladen, welche neutral, welche hängen zusammen? Du kannst die beiden Übersichtsbilder nutzen oder eine eigene, für dich stimmige Mindmap erstellen.
Coaching und empathische Begleitung
Coaching: Was hat Priorität in deinem Leben? Kopf trifft Bauch
Ziehe zehn zufällige Karten und wähle durch paarweisen Vergleich aus, welches Bedürfnis für dich im Moment am wichtigsten ist. Stelle dir bei jedem Vergleich die Frage: Welches Bedürfnis würde ich priorisieren, wenn ich mich entscheiden müsste, meine Energie nur darauf zu verwenden?
Am Ende hast du eine Rangfolge, die dir Klarheit über deine aktuellen Werte gibt. Praktisch geht das als Turnier-Tabelle: Jedes Bedürfnis tritt gegen jedes an, für jeden gewonnenen Vergleich gibt es einen Punkt, die Summen ergeben die Rangfolge.
Variation: Wähle bewusst Bedürfnisse aus, die
- dir wichtig sind
- die du nicht gut kennst
- die grade nicht besonders voll scheinen
- die dir unwichtig erscheinen
Coaching: Bedürfnisse visualisieren
Lass deinen Coachee von einer relevanten Situation erzählen, das kann zum Beispiel ein Konflikt oder eine wichtige Entscheidung sein. Während die Person erzählt, höre hinter die Worte: Was ist relevant? Um welchen Wert geht es hier im Kern?
Lege die Karten, die du mit den Bedürfnissen aus der Erzählung verbindest, auf den Tisch. Anschließend könnt ihr gemeinsam reflektieren:
- „Stimmt das mit deinem Gefühl überein?“
- „Was davon ist dir im Moment besonders wichtig?“
- Welche Bedürfnisse hängen zusammen, was gehört vielleicht noch auf den Tisch?
Zukunftsbild gestalten. Frage deinen Coachee: „Wie soll dein Leben in drei Monaten aussehen?“ Lass sie Karten legen, die ihre idealen Bedürfnisse darstellen. Nutze diese als Grundlage für konkrete Ziele und erste Schritte.
Gefühlsklärung mit Bedürfnissen verknüpfen. Falls die Person über eine belastende Situation spricht, arbeite mit zwei Gruppen von Karten:
- Bedürfnisse, die in der Situation erfüllt waren
- Bedürfnisse, die unerfüllt blieben
Dies hilft der Person, eine klare Unterscheidung zu treffen und Empathie für sich selbst zu entwickeln.
Tipps zur Formulierung in Umgangssprache
Wenn du dir die GFK zu eigen machen möchtest, ist hier der beste Tipp überhaupt: Vermeide das Wort „Bedürfnis“. Es klingt für viele Menschen zu sehr nach Psychosprache.
Mach aus den Hauptwörtern auf den Karten Verben oder Adjektive. Statt zu sagen „Ich habe ein großes Bedürfnis nach Fairness“ könntest du sagen: „Ich lege Wert darauf, dass wir fair miteinander umgehen.“
Bedürfnisse sind abstrakt und allgemein. Anders als bei Wahrnehmungen, Gefühlen und Bitten kannst du deswegen eine bildhafte, poetische Sprache und Gleichnisse benutzen. Statt „Brauchst du Unterstützung?“ also: „Sehnst du dich danach, jemanden an deiner Seite zu wissen?“
Tipps zum empathischen Vermuten
Spiegeln statt empathischer Vermutung. Auf die Aussage „Es ist halt alles schwierig zur Zeit“ antworten mit: „Nervt es dich, weil grade alles so schwer ist?“
Spiegel nur das Bedürfnis, statt Gefühl und Bedürfnis. Statt „Bist du genervt, weil du Unterstützung brauchst?“ also: „Hättest du da Unterstützung gebraucht?“
Statt zu sagen „Bist du (plus Gefühl)?“ die Formulierung „Das klingt, als wärst du (plus Gefühl).“
Formulierungsvorschläge: Ich habe ein (das) Bedürfnis nach…
Ich will wirklich, ich brauche, ich wünsche mir, ich fände es schön wenn, ich hätte es gerne, ich stehe drauf, ich schätze es, ich liebe es, ich fände es toll wenn, es ist mir ein Anliegen, es ist mir wichtig, mir liegt am Herzen, ich fahre darauf ab, für mich hat großes Gewicht, eine hohe Priorität in meinem Leben hat es wenn, es hat große Bedeutung für mich, ich mag (wirklich), ich bin begeistert, mich interessiert sehr, ich genieße, es wäre eine große Erleichterung wenn, ich lege Wert darauf wenn, ich sehne mich nach.
Dieselben Wendungen in der Du-Form für das empathische Vermuten: Du willst wirklich, du brauchst, du wünschst dir, du fändest es schön wenn, du hättest es gerne, du stehst drauf, du schätzt es, du liebst es, dir liegt am Herzen, für dich hat großes Gewicht, es hat große Bedeutung für dich, du bist begeistert, du genießt, du sehnst dich nach.
Lust auf mehr?
Wenn du die Karten spannend findest und Lust hast, tiefer einzusteigen, gibt es verschiedene Möglichkeiten:
Für Einsteiger: GFK-Grundlagenseminare. Du möchtest die Gewaltfreie Kommunikation von Anfang an lernen? In unseren Grundlagenseminaren bekommst du eine fundierte Einführung, praxisnah, lebendig und direkt anwendbar. Hier kannst du erste Erfahrungen sammeln und die Grundideen der GFK in deinem Alltag verankern.
Für Fortgeschrittene: GFK-Jahresausbildung. Du hast schon erste GFK-Erfahrungen und möchtest tiefer gehen? In unserer Jahresausbildung entwickelst du deine Fähigkeit, Gespräche empathischer und klarer zu führen, Konflikte sicherer zu begleiten und GFK auch unter Stress authentisch anzuwenden. Ein intensiver, lebendiger Prozess, der über reine Theorie weit hinausgeht.
Für angehende Coaches und Trainer:innen: GFK-Trainer:in-Ausbildung. Du willst selbst Trainings oder Coachings anbieten, oder deine Fähigkeiten als Trainer:in auf das nächste Level bringen? In unserer Trainer:innen-Ausbildung lernst du, GFK zu vermitteln, und entwickelst zugleich deine Persönlichkeit als Coach, Seminarleiter:in und Prozessbegleiter:in weiter. Auch erfahrene Profis nehmen hier noch viele wertvolle Impulse mit.
Die Anleitung als PDF
Hier bekommst du alle Übungen als gestaltetes PDF zum Ausdrucken und Mitnehmen: Impulse für die Bedürfniskarten (PDF).
Zum Weiterlesen
Was hinter den Begriffen auf den Karten steckt, erklären die Artikel über Bedürfnisse in der GFK und den Unterschied zwischen Bedürfnis und Strategie. Wie du vom erkannten Bedürfnis zur konkreten Bitte kommst, hat einen eigenen Text, und für den Einstieg in die Methode lohnt Was ist Gewaltfreie Kommunikation?
Unsere Bedürfniskarten selbst findest du samt Gefühlskarten auf der Karten-Seite und im GFK-Shop auf gfk-toolbox.de. Und wenn du die Übungen lieber einmal angeleitet erlebst: In unserem GFK-Grundlagenseminar arbeiten wir genau mit diesem Material.
Markus Castro, CNVC-zertifizierter Trainer für Gewaltfreie Kommunikation, Impact Institut


