Was sind Bedürfnisse in der GFK?

Was sind Bedürfnisse in der GFK? (Titelbild)

Bedürfnisse sind in der GFK die Grundanliegen hinter deinen Gefühlen und Handlungen: Ruhe, Sicherheit, Verlässlichkeit, Respekt, Verbindung, Selbstbestimmung. Alle Menschen haben dieselben Bedürfnisse, nur ihre Dringlichkeit ist unterschiedlich. Strategien hingegen sind konkrete, beobachtbare Handlungen. Von einer Strategie unterscheidet sich ein Bedürfnis also durch ein einfaches Merkmal: Im Bedürfnis kommt keine bestimmte Person und keine bestimmte Handlung vor. „Ich brauche Verlässlichkeit“ ist ein Bedürfnis. „Ich brauche, dass du um sechs am Bahnhof stehst“ ist eine Strategie, es zu erfüllen, eine von vielen möglichen.

Falls dir das Wort zu sehr nach Therapiesofa klingt: Es geht hier um etwas ziemlich Praktisches. Wer sein Bedürfnis kennt, ist flexibel, kann verhandeln. Wer nur seine Strategie kennt, kann bloß darauf bestehen.

Woran du ein Bedürfnis erkennst

Ein Bedürfnis ist die positiv konnotierte Motivation hinter unseren Handlungen. Der Begriff nennt keine Person, keinen Ort, keine Uhrzeit und kein bestimmtes Verhalten, das Bedürfnis lässt sich auf vielen Wegen erfüllen. „Dass du sofort auf meine Nachrichten antwortest“ nennt eine Person und eine Handlung, also ist es eine Strategie. Das Bedürfnis darunter heißt vielleicht Verlässlichkeit, und Verlässlichkeit kann auch anders entstehen: ein fester Telefontermin am Abend, eine kurze Rückmeldung wie „gesehen, ich antworte heute Abend“, eine Absprache für Dringendes.

Der Test dazu ist eine Frage, die du so lange wiederholst, bis in der Antwort keine bestimmte Person mehr vorkommt: „Worum geht es mir dabei?“ Da, wo keine mehr auftaucht, bist du angekommen.

Typische Bedürfnisse in Alltagssprache: Ruhe, Erholung, Sicherheit, Klarheit, Wertschätzung, Zugehörigkeit, Selbstbestimmung, Wirksamkeit, Unterstützung, Ehrlichkeit. Die Liste ist nicht vollständig und muss sie nicht sein, sie hilft nur beim Suchen.

Illustrierte Bedürfnisbegriffe

Wir haben alle dieselben Bedürfnisse

Drei typische Verwechslungen rund um Bedürfnisse

Strategie als Bedürfnis. „Ich brauche, dass du am Wochenende zuhause bist.“ Sobald ein Name oder ein konkretes Verhalten im Satz steht, redest du über einen Weg. Darunter liegt vielleicht gemeinsame Zeit, vielleicht Entlastung, vielleicht Sicherheit, und welches davon es ist, verändert die Lösungssuche: Für gemeinsame Zeit gibt es andere Wege als für Entlastung.

Bedürfnis als Schwäche. Viele sprechen ihre Bedürfnisse nicht aus, weil sich das nach Bedürftigkeit anfühlt, nach klein machen. Praktisch ist das Gegenteil dran: Ein ausgesprochenes Bedürfnis ist eine Verhandlungsgrundlage. Ohne sie bleiben dir Fordern, Schmollen oder Nachgeben, und alle drei gehen auf Dauer zu Lasten der Beziehung.

Die Person als Bedürfnis. „Ich brauche dich“ klingt groß, lässt dem anderen aber nur Ja oder Rückzug. Gemeint ist meistens etwas Benennbares: Nähe, Unterstützung, verlässliche Ansprechbarkeit. Darüber kann man reden, über sich selbst als Bedarf eines anderen schlecht.

Warum die Unterscheidung Streits verkürzt

Über Strategien lässt sich endlos streiten, weil immer nur eine gewinnen kann: Berge oder Meer, Samstag putzen oder Sonntag, dein Ausschlafen oder euer gemeinsames Frühstück. Bedürfnisse dagegen schließen sich selten aus. Dass du nach so einer Woche Erholung brauchst, bestreitet deine Frau vermutlich nicht mal mitten im Streit. Sie will nur nicht zum dritten Mal in die Berge.

Sobald beide Anliegen benannt sind, gibt es plötzlich mehr als die zwei Möglichkeiten, mit denen ihr angefangen habt. Die Frage, die dahin führt, ist unspektakulär: „Worum geht es dir beim Meer?“ Vielleicht kommt dann „endlich mal nichts organisieren müssen“, und damit sucht ihr auf einmal nach etwas ganz anderem als nach einem Reiseziel. Dann geht es um Leichtigkeit, und die lässt sich auf mehr als einem Weg erreichen.

Dein Bedürfnis zu benennen heißt übrigens nicht, dass der andere es erfüllen muss. Zuständig dafür bleibst du, der andere ist eine Möglichkeit, oft die liebste, selten die einzige. Der nächste Schritt ist dann, aus dem erkannten Bedürfnis eine Bitte zu machen, die dein Gegenüber auch hören kann.

Beim nächsten festgefahrenen Streit lohnt darum die Frage, worum es dir hinter deinem Vorschlag eigentlich geht. Die Antwort ist oft überraschend unspektakulär, und genau deshalb lässt sich mit ihr arbeiten.

Zum Nachschlagen

Bedürfnisliste als Mindmap (PDF)

Die Bedürfnisliste als PDF, aufgebaut als Mindmap mit Kategorien nach Rosenberg. Schlag nach, wenn du bei der Frage nach dem Worum-geht-es-mir nicht weiterkommst.

Zum Weiterlesen

Bedürfnisse sind einer von vier Schritten. Wenn du beim nächsten Streit genauer hinschauen willst, fang vorne an, bei der Beobachtung ohne Bewertung. Wie du dem Gefühl auf die Spur kommst, das auf dein Bedürfnis zeigt, steht in Gefühle benennen. Und wie du daraus eine Bitte machst, bei der ein Nein erlaubt bleibt, liest du in Bitte formulieren. Für die Momente, in denen du selbst zu aufgewühlt bist, um überhaupt zu suchen, gibt es die Selbstempathie.

Wenn du das lieber einmal ausprobieren willst als weiterzulesen: Im kostenlosen GFK Erlebnis-Webinar (90 Minuten) kannst du die Suche nach dem Bedürfnis hinter der Strategie live erleben.

Markus Castro, CNVC-zertifizierter Trainer für Gewaltfreie Kommunikation, Impact Institut in Pot

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