Warum bewirkt mehr Druck bei ADHS in der Beziehung das Gegenteil?

Warum bewirkt mehr Druck bei ADHS in der Beziehung das Gegenteil? (Titelbild)

Weil Druck bei der ADHS-Seite fast immer als Vorwurf ankommt, und ein Vorwurf löst Scham und Rückzug aus, keine Handlung. Je mehr die eine Person kontrolliert und erinnert, desto mehr macht die andere innerlich dicht. Beide meinen es gut und beide verschärfen den Kreis. Der Ausweg läuft über einen einzigen Umbau: aus dem Vorwurf eine echte Bitte machen, hinter der ein Bedürfnis sichtbar wird. Mehr Nachdruck führt genau dort hin, wo ihr nicht hinwollt.

Der Kreis, den ihr beide kennt

Zwei Strichfiguren als Paar

Die eine Seite, sagen wir deine Partnerin, trägt den Überblick über Termine, Rechnungen, den Müll. Irgendwann ist sie voll, und dann erinnert sie. Freundlich, dann weniger freundlich, dann kommt das „ich muss dir echt alles dreimal sagen“.

Auf der anderen Seite sitzt du, ADHS. Von ihrer Erschöpfung kommt bei dir wenig an, was hängen bleibt, ist das Urteil: ich versage schon wieder. Und weil sich das mies anfühlt, machst du das, was am meisten Erleichterung bringt. Du gehst raus, du machst dicht, du sagst „ja gleich“ und meinst es sogar, aber gleich kommt nie. Jetzt fühlt sie sich erst recht alleingelassen und erinnert noch dringender, du fühlst dich noch mehr wie ein Versager und ziehst dich weiter zurück. Der Kreis dreht sich, und keiner von euch ist der Bösewicht.

Ich kenn beide Seiten von innen. Ich hab ADHS, und ich weiß, wie schnell aus einem gut gemeinten „denkst du dran?“ in meinem Kopf ein „du kriegst gar nichts hin“ wird. Das ist keine Ausrede, das ist die Mechanik.

Warum mehr Druck genau falsch herum wirkt

Wenn etwas nicht passiert und du erschöpft bist, ist Nachdruck das Naheliegendste. Bei einem ADHS-Gehirn bewirkt er trotzdem verlässlich das Gegenteil, aus zwei Gründen. Der Druck kommt beim anderen als Kritik an, und viele ADHS-Erwachsene reagieren darauf mit einem heftigen Scham-Ausschlag, der jede Handlungsfähigkeit wegdrückt. Wer sich klein und ertappt fühlt, räumt nicht auf, der verschwindet. Dazu kommt: Was von außen aussieht wie Unwille, ist meistens keiner. Zeitgefühl, Anfangen, Dranbleiben, das ist bei ADHS schwächer verdrahtet. Auf ein Verdrahtungsproblem mit Willensappellen zu antworten, ist so wirksam, wie einem Kurzsichtigen zuzurufen, er solle sich beim Sehen mehr anstrengen.

Und jetzt die Position, die weh tut, weil sie in beide Richtungen geht. Für die kontrollierende Seite: Dein Erinnern ist verständlich und trotzdem Teil des Problems, solange es als Vorwurf ankommt. Für die ADHS-Seite: „Ich kann halt nicht anders“ stimmt nicht ganz, du kannst um andere Bedingungen bitten, und das ist deine Verantwortung. Beide Sätze sind unbequem, und beide gehören zum ehrlichen Bild dazu.

Aus dem Vorwurf eine Bitte machen

Hier setzt Gewaltfreie Kommunikation an einer einzigen Unterscheidung an: Bitte oder Forderung. Eine Forderung erkennst du daran, dass ein Nein nicht erlaubt ist. „Kannst du nicht einmal an den Müll denken?“ ist grammatisch eine Frage, in Wahrheit steht da: du hast zu funktionieren, sonst gibt es Ärger. Genau darauf reagiert das ADHS-Nervensystem mit Rückzug. Eine Bitte dagegen lässt dem anderen die Tür offen und macht sichtbar, worum es dir geht.

Der Umbau geht in drei Bewegungen. Sag zuerst, was du beobachtest, ohne Deutung: „Der Müll steht seit drei Tagen voll“ statt „dir ist einfach alles egal“, das Erste kann man nicht bestreiten, das Zweite ist ein Angriff. Sag dann, was du brauchst, bei der erschöpften Seite meistens Entlastung und Verlässlichkeit. Und stell zum Schluss eine konkrete, machbare Bitte, die ein Nein aushält: „Magst du dir für den Müll einen Wecker stellen?“ Ein „streng dich mehr an“ dagegen ist ein Wunsch ans Universum. An typischen Sätzen sieht der Umbau so aus:

Kommt als Vorwurf an Wird zur Bitte mit sichtbarem Bedürfnis
„Ich muss dir alles dreimal sagen.“ „Ich bin am Ende mit dem Erinnern. Können wir was finden, das dich erinnert statt mich?“
„Warum ist das schon wieder nicht erledigt?“ „Ich seh, die Rechnung liegt noch da. Was würde dir helfen, dass sie diese Woche rausgeht?“

Für die ADHS-Seite gilt derselbe Umbau nach innen. Statt „reiß dich zusammen“, dem Wolf nach innen, der nur Scham produziert, eine Selbst-Bitte: „Ich hatte das echt nicht auf dem Schirm. Ich stell mir einen Wecker, damit es nicht an meinem Gedächtnis hängt.“ Und du darfst laut sagen, was du brauchst: „Wenn du mir zehn Vorwürfe auf einmal machst, mach ich dicht. Sag mir eine, dann kann ich sie anpacken.“

Zwei Fehler, die den Kreis am Laufen halten

Fehler eins: die Bitte als getarnte Forderung. Du kannst alle drei Bewegungen sauber sagen und forderst trotzdem, wenn ein Nein bei dir Strafe auslöst. Wenn „magst du dir einen Wecker stellen?“ bei einem Nein in „typisch, dir ist es zu anstrengend“ umschlägt, war es nie eine Bitte, und dein Gegenüber spürt das sofort.

Fehler zwei: alles auf die ruhige Tour, obwohl gerade keiner mehr kann. GFK ist kein Beruhigungsmittel. Wenn ihr beide im roten Bereich seid, sie kocht, du bist geflutet und kriegst keinen klaren Gedanken mehr, trägt keine noch so saubere Bitte. Dann braucht es eine Pause. „Ich merk, ich bin raus, ich brauch zwanzig Minuten.“ Erst runterkommen, dann reden.

Und eine Grenze gehört dazu. Wenn hinter dem Rückzug jedes Mal ein alter, überwältigender Schmerz hochkommt, wenn ein knapper Satz sich anfühlt wie eine Katastrophe, dann arbeitet da womöglich mehr als der Alltagskreis. Ein Feierabend-Gespräch über den Müll ist der falsche Ort dafür, das braucht Sicherheit, langsames Tempo und meistens jemanden, der dafür ausgebildet ist.

Wo ihr anfangt

Nehmt euch nicht vor, ab morgen alles anders zu machen. Nehmt euch eine wiederkehrende Reibung, den Müll, das Handy am Esstisch, und baut nur diesen einen Satz um. Das ist unspektakulär und ändert mehr als das zehnte Grundsatzgespräch.

Zum Ausprobieren

Übungsblatt: Urteile in Bedürfnisse übersetzen

Das Übungsblatt zum Übersetzen von Urteilen in unerfüllte Bedürfnisse als PDF. Nimm einen Satz aus eurem letzten Streit und schreib auf, welches Bedürfnis darunter liegt, das ist der Umbau aus diesem Artikel.

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Zum Weiterlesen

Der ganze Hebel in diesem Kreis hängt an einer Unterscheidung, deshalb lies unbedingt Bitte oder Forderung: woran erkenne ich den Unterschied?, da steht der Nein-Test ausführlich. Wenn bei euch trotzdem regelmäßig die Sicherung durchbrennt, helfen Wie deeskaliere ich ein hitziges Gespräch? und die Spurensuche in Warum eskaliert jeder Streit bei uns?. Und für die Situation, in der die eine Seite gar nicht mehr redet und die andere davorsteht, ist Was tun, wenn der andere nicht reden will? geschrieben. Wo GFK bei ADHS insgesamt hilft und wo sie an Grenzen kommt, ordnet der Überblick Hilft GFK bei ADHS? ein.

Wenn ihr diesen Umbau einmal angeleitet erleben wollt statt nur nachzulesen: Unser GFK Erlebnis-Webinar (90 Minuten) ist kostenlos.

Markus Castro, CNVC-zertifizierter Trainer für Gewaltfreie Kommunikation, Impact Institut

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