Gefühle lösen sich auf, wenn man sie durchlebt, und zwar wirklich: Ein Gefühl steigt, erreicht einen Höhepunkt und geht von alleine wieder, und was danach übrig bleibt, ist meistens überraschend klar: nämlich das Bedürfnis, um das es die ganze Zeit eigentlich ging. Gefühle klopfen nicht umsonst an. Sie präsentieren die Information auf dem Silbertablett, die wir brauchen, um zu verstehen, worum es uns geht und was wir als nächstes tun können.
Das Problem ist, dass zwischen dem Anklopfen und dem Auflösen vier Stellen liegen, an denen die meisten Leute rausfliegen. Und alle vier haben mit dem Kopf zu tun: vier verschiedene Bewegungen, mit denen das Denken die Aufmerksamkeit aus dem Körper reißt, bevor das Gefühl sich von selbst verändern konnte.
Bevor es losgeht: zwei Voraussetzungen
Im Seminar spreche ich von sechs Challenges beim Durchleben von Gefühlen. Zwei davon sind Voraussetzungen, die anderen vier sind die Stolpersteine.
Die zwei klingen banal, fehlen aber erstaunlich oft. Erstens braucht es Zeit und Raum, um überhaupt zu spüren. Nicht nebenbei, nicht zwischen zwei Terminen. Und wer versucht, ein Gefühl durchzuleben, während er eigentlich schon beim nächsten Punkt auf der Liste ist, fährt Auto im Rückspiegel. Zweitens braucht es Worte für das, was da ist. Denn „irgendwas ist komisch“ reicht nicht. „Da ist Traurigkeit“ ist schon eine ganz andere Ausgangslage. Das Gefühlsvokabular zu erweitern ist eine eigene Übung, die ich hier nur erwähnen, aber nicht ausrollen will. Was hier kommt, setzt voraus, dass diese beiden Grundlagen da sind.
Erster Stolperstein: Verdrängen
Der naheliegendste, und der, den die meisten sofort erkennen, wenn man ihn benennt: Die Aufmerksamkeit flieht, bevor überhaupt etwas richtig gespürt werden kann. Man lenkt sich ab, wird sachlich, macht weiter – und das Gefühl wird abgeschnitten, bevor die Welle überhaupt zu steigen begonnen hat.
Verdrängen sieht von außen manchmal nach Stärke aus, nach Souveränität, nach „ich lass mich davon nicht runterziehen“. Aber es ist die schnellste Fluchtbewegung, die der Kopf kennt. Und sie funktioniert so zuverlässig, dass man sie jahrelang betreiben kann, ohne zu merken, dass man flieht.
Zweiter Stolperstein: Sich suhlen
Das ist das Gegenteil des Verdrängens – und trotzdem dasselbe Problem, weil auch hier der Kopf die Regie übernimmt.
Da ist ein Gefühl, es steigt, und noch bevor der Höhepunkt erreicht ist, baut sich eine gedankliche Barrikade auf. Kein natürliches Ende. Kein Moment, in dem der Körper sagt: „jetzt reicht’s“, sondern ein künstlicher Block: „Oh, jetzt bin ich aber traurig.“ Dieser Gedanke fühlt sich an wie Hinspüren, ist aber ein Schutzmechanismus vor der Intensität, die eigentlich noch kommen würde, wenn man dranbleiben würde. Und genau an dieser Stelle bleiben die meisten im Kopf hängen, statt weiter in den Körper zu gehen.
Hier wird es interessant. Weil ein Gedanke wie „Ich bin traurig“ die Tür zum Körper überhaupt erst öffnen kann. Gerade im Alltag, wenn jemand fragt: „Wie geht’s dir?“ und man sich zum ersten Mal erlaubt, da wirklich hinzugucken. Der Trick ist, diesen Türöffner zu nutzen – und ihn dann loszulassen. Denn wenn man in der Tür stehenbleibt, wird aus dem Türöffner genau die Barrikade, die den Weg versperrt.
Die Leute wissen schon, dass Annehmen mal gelingt und mal nicht – aber sie wissen meistens nicht, warum. Das Tückische liegt in der Welle selbst: Sie können den Höhepunkt eines Gefühls nur mit früheren Gefühlen vergleichen, weil sie kein anderes Maß haben. Wenn diesmal ein stärkeres Gefühl kommt, steigt die Welle höher als alles, was sie kennen. Irgendwann auf dem Weg nach oben erreichen sie die Stelle, die bei schwächeren Gefühlen der Gipfel war, und brechen dort ab, weil sie denken, weiter ging es doch noch nie. War es nicht. Der eigentliche Höhepunkt steht noch aus, und das Gefühl löst sich nie auf, weil die Welle nie zu Ende steigen durfte.
Dritter Stolperstein: Pseudogefühle
Hier wird es subtiler. Denn manche Worte klingen wie Gefühle, sind aber verdeckte Vorwürfe: „Ich fühle mich betrogen“, „im Stich gelassen“, „manipuliert“. Das ist fataler als offenes Verdrängen, weil man glaubt, beim Gefühl zu sein – tatsächlich aber im Kopf bleibt, bei der Bewertung des anderen, und die Verantwortung nach außen wandert. So macht man sich zum Opfer der Umstände (und den Anderen zum Täter…), ohne es zu merken.
Und dann kommt das zweite Tückische: Das Feindbild, das beim Pseudogefühl entsteht, erzeugt zusätzliche Sekundärgefühle: Empörung, Wut, Entrüstung (denn es braucht noch einen „Retter“, um das „niedere Drama“ perfekt zu machen) – und die legen sich über das eigentliche Primärgefühl wie eine zweite Schicht. So spürt man am Ende nur noch die Aufregung an der Oberfläche – und das, was eigentlich darunter liegt, kommt gar nicht mehr durch.
Das ist wie eine Glasscheibe mit starken Reflexionen vor dem eigentlich Zu-Sehenden: Auf der Scheibe zeigt sich Empörung, und dahinter (das Gefühl, das ich eigentlich wahrnehmen könnte), ist zwar da, aber verdeckt. Und solange man auf die Glasscheibe starrt und sich über den anderen aufregt, ändert sich am Gefühl darunter gar nichts.
Vierter Stolperstein: Verantwortung für meine Gefühle abgeben
Der am wenigsten offensichtliche und wahrscheinlich der folgenreichste Stolperstein, weil er auch dann greift, wenn man alles andere richtig macht.
Unabhängig davon, ob das Gefühlswort echt ist oder ein Pseudogefühl: Sobald ich die Ursache sprachlich ans Außen kopple – also „Ich bin traurig, weil du dies und jenes getan hast“ -, bleibt die Auflösung an ein Verhalten gebunden, das ich nicht kontrolliere. Selbst ein völlig echtes, sauber durchlebtes Gefühl kann so an eine äußere Bedingung geknüpft bleiben, die mich abhängig macht vom Wohlwollen des anderen.
Erst wenn ich das Gefühl an mein eigenes Bedürfnis kopple, also „Ich bin traurig, weil mir Nähe wichtig ist“, bin ich wieder handlungsfähig – weil die Auflösung dann bei mir liegt. Das Bedürfnis ist die Anforderung an die zu findende Lösung. Und die Lösung entsteht nicht aus der Rezepte-Schublade, in der die bewährten Kompromisse liegen. Die stimmige Lösung entsteht neu, aus dem, was gerade wirklich da ist, wenn ich bereit bin, hinzugucken.
Vier Stolpersteine, eine Bewegung
Alle vier Stolpersteine laufen am Ende auf dieselbe Bewegung hinaus, nämlich darauf, dass der Kopf die Aufmerksamkeit aus dem Körper reißt: beim Verdrängen durch Flucht, beim Suhlen durch Klebenbleiben an einem Gedanken, beim Pseudogefühl durch eine Geschichte über den anderen und beim Verantwortung-Abgeben durch eine Kopplung, die mich abhängig macht von etwas, das ich nicht steuern kann.
Gelingt es, die Aufmerksamkeit im Körper zu halten, ohne sie durch eine dieser vier Kopfbewegungen zu verlieren, verändert sich das Gefühl von selbst. Es steigt, es erreicht den Höhepunkt, es löst sich auf. Manchmal funktioniert das, manchmal nicht. Und das ist kein Versagen. Das ist der Grund, warum man es übt.
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Zum Weiterlesen
Der dritte Stolperstein hat einen eigenen Artikel: Was sind Pseudogefühle?. Beim ersten, dem Verdrängen, hilft Gefühle unterdrücken. Und wenn dir für die zweite Voraussetzung die Worte fehlen, fang mit Gefühle benennen an, dazu die Gefühlsliste als Wortschatz.
Matthias Faust, GFK-Trainer, Impact Institut


