Warum gute Vorsätze im ersten Streit verdampfen

Ein Paar steht sich in einer Küche gegenüber und redet gleichzeitig mit erhobenen Händen.

Vielleicht hast du dir vorgenommen, ruhiger zu bleiben, besser zuzuhören oder dich von deiner Mutter nicht mehr auf die Palme bringen zu lassen. Das sind gute Vorhaben. Und trotzdem eine unbequeme Prognose: Beim ersten richtigen Konflikt wird davon nichts abrufbar sein.

Das liegt nicht an deiner Disziplin. Vorsätze sind Beschlüsse, und Beschlüsse wohnen im ruhigen Teil deines Kopfes. Konflikte finden woanders statt. Unter Stress greifst du nicht auf das zurück, was du dir vorgenommen hast, du greifst auf das zurück, was du geübt hast. Wer nur den Vorsatz hat, hat im Streit nichts in der Hand.

Ich verkauf dir keine Utopie fürs neue Jahr

Ich sag dir das so nüchtern, weil „ab jetzt wird alles anders“ ein Versprechen ist, das am 1. Januar wirkt und am 14. leer ist. Meine eigenen Silvester-Vorsätze überleben den Januar auch selten. Der Moment, in dem du dir fest etwas vornimmst, ist echt und er ist wertvoll. Er ist nur der Startschuss, nicht die Arbeit.

Was tatsächlich bleibt, ist unspektakulär. Übersetz den Vorsatz, bevor du ihn aufgibst. Aus „Ich will mich nicht mehr so aufregen“ wird ein übbares Verhalten in Miniatur: einmal am Tag, in einer ruhigen Minute, ein Gefühl benennen und fragen, worauf es zeigt. Aus „besser zuhören“ wird: in einem Gespräch pro Tag einmal zurückgeben, was du verstanden hast, bevor du etwas Eigenes sagst. Dreißig Sekunden, keine Willenskraft nötig, dafür jeden Tag.

Ein einziges solches Mini-Verhalten pro Quartal verändert mehr als fünf Januar-Beschlüsse, einfach weil es klein genug ist, um tatsächlich zu passieren. Und nach ein paar Wochen liegt es da, wo Vorsätze nie ankommen: im Zugriff, mitten im Konflikt.

Wenn nie etwas hängen bleibt

Falls du das letzte Jahr, oder die letzten fünf, mit solchen Beschlüssen zugebracht hast und dich fragst, warum nie etwas hält: Du bist nicht zu undiszipliniert. Dir wurde ein Wundermittel verkauft, das es nicht gibt. Das Handfeste ist kleiner und langweiliger, dafür kannst du es am Dienstag anfangen.

Der Unterschied ist am Ende simpel. Ein Beschluss will, dass du im entscheidenden Moment stärker bist als sonst. Ein geübtes Verhalten braucht das nicht, es ist einfach schon da. Deshalb schlägt die kleine Wiederholung den großen Vorsatz, jedes Jahr wieder.

Zum Weiterlesen

Wie so eine Mini-Übung konkret aussieht, steht in Wie benenne ich meine Gefühle? und, für den ruhigen Blick nach innen, in Was ist Selbstempathie?. Wenn dein Vorsatz eher „nicht mehr so schnell hochgehen“ heißt, lies Wie gehe ich mit Wut um, ohne sie runterzuschlucken?, und wenn es ums Zuhören geht, Wie höre ich empathisch zu?.

Wie lange es realistisch dauert, bis so etwas sitzt, haben wir in Was ist Gewaltfreie Kommunikation nach Rosenberg? ehrlich beantwortet.

Markus Castro, CNVC-zertifizierter Trainer für Gewaltfreie Kommunikation, Impact Institut

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