Wie nehme ich Kritik an, ohne dichtzumachen?

Kritik annehmen funktioniert in drei Schritten: Erstens den ersten Impuls parken, du musst nicht sofort antworten. Zweitens heraushören, was an der Kritik brauchbar ist und worum es der anderen Person eigentlich geht. Drittens entscheiden, was du davon übernimmst, und diese Entscheidung darf bis morgen warten. Der wichtigste Satz steckt im dritten Schritt: Kritik annehmen heißt zuerst nur, sie vollständig anzuhören. Ob du ihr zustimmst, ist ein zweiter, getrennter Vorgang.

Und eine Entlastung vorweg: Wenn Kritik bei dir Herzklopfen auslöst, einen heißen Kopf oder den sofortigen Drang, dich zu erklären, ist mit dir nichts falsch. Dichtmachen ist ein Schutzreflex, dein System behandelt den kritischen Satz wie einen Angriff. Der Reflex lässt sich nicht abschaffen, aber du kannst lernen, ihm nicht das Steuer zu überlassen.

Schritt 1: Den ersten Impuls parken

Flipchart: zuhören und lösungsorientiert antworten

Zwischen dem kritischen Satz und deiner Antwort liegt der Moment, der über das ganze Gespräch entscheidet, und die beste Nachricht dieses Artikels ist: Du darfst ihn dehnen. Niemand hat ein Recht auf deine Sofortantwort. „Okay, das trifft mich gerade. Lass es mich sacken, ich komm heute Nachmittag nochmal drauf zurück“ ist eine vollwertige, souveräne Reaktion, sie wirkt erwachsener als jede schnelle Verteidigung, und sie verschafft deinem System die Zeit, aus dem Alarmmodus zu kommen.

Der Reflex, den du damit parkst, klingt so: „Ja, aber das lag daran, dass die Zulieferung zu spät kam, und außerdem hattest du gesagt…“ Das Tückische am Erklären ist, dass es sich von innen wie Klarstellung anfühlt und von außen wie eine verschlossene Tür wirkt. Wer bei Kritik sofort erklärt, hat aufgehört zuzuhören, und dein Gegenüber merkt das schneller als du selbst. Selbst wenn deine Erklärung stimmt, sie kommt zu früh, das Gespräch verträgt sie erst, wenn die Kritik fertig gehört ist.

Schritt 2: Das Brauchbare heraushören

Kritik kommt selten in sauberer Form, meistens ist sie eine Mischung aus berechtigtem Anliegen, ungenauer Beobachtung und Frust-Verpackung. Deine Aufgabe in Schritt 2 ist Erzsuche: Was an diesem Brocken ist brauchbar, und worum geht es der Person eigentlich?

Dafür helfen zwei Werkzeuge. Das erste ist die Frage statt der Erklärung: „Woran hast du das festgemacht?“ oder „Was hätte dir an der Stelle geholfen?“ Fragen halten dich im Zuhör-Modus, holen die konkrete Beobachtung hinter dem Urteil hervor und geben dir Material, mit dem du etwas anfangen kannst. Das zweite ist die Übersetzung: Hinter „Deine Präsentation war chaotisch“ steckt vermutlich das Anliegen, dem Kunden sicher gegenüberzutreten. Wer das Anliegen hört, kann sogar einer unfair formulierten Kritik etwas entnehmen, und nebenbei entschärft die Übersetzung den Stachel, denn es geht plötzlich um eine Sache statt um dein Versagen.

Schritt 3: Entscheiden, was du übernimmst, auch morgen noch

Der Schritt, der beim Dichtmachen komplett ausfällt und beim vorschnellen Ja-Sagen genauso, ist die eigene, ruhige Entscheidung. Du musst Kritik nicht sofort bewerten. Erst verstehen, was der andere braucht, entscheiden kannst du auch morgen. Mit etwas Abstand sortiert sich verlässlich, was dran ist und was nicht: Manches wirst du übernehmen, manches ist Geschmackssache, manches sagt mehr über den Kritiker als über dich. Alle drei Ergebnisse sind legitim, und erst diese Sortierfreiheit macht das Anhören ungefährlich. Wer weiß, dass er hinterher souverän aussortieren darf, muss vorne nicht mehr dichtmachen.

Wenn du etwas übernimmst, sag es der Person, das ist der Baustein, aus dem Vertrauen entsteht. Wenn du etwas begründet nicht übernimmst, darfst du auch das sagen, freundlich und ohne Rechtfertigungsschleife: „Ich hab drüber nachgedacht, den Punkt mit den Folien nehme ich mit. Beim Tempo bleibe ich bei meiner Linie, das ist Absicht.“

Die Grenze: Dauerkritik ist keine Kritik

Eine Sorte „Kritik“ ist von diesem Artikel ausdrücklich ausgenommen: die Dauerabwertung, die sich als ehrliches Feedback verkleidet. Wenn jemand dich regelmäßig, vor Publikum oder grundsätzlich kleinredet und auf Nachfrage nie konkrete Situationen nennen kann, dann ist das kein Entwicklungsangebot, das ist ein Muster. Das musst du nicht lernen auszuhalten, das darfst du benennen und begrenzen: „Mir fällt auf, dass von dir viel Grundsatzkritik kommt und wenig Konkretes. So kann ich damit nichts anfangen, und so möchte ich das auch nicht weiter führen.“

Mini-Übung: Beim nächsten kritischen Satz, egal von wem: innerlich bis drei zählen, und als Erstes eine Frage stellen statt einer Erklärung. Nur das. Die Frage darf simpel sein („Woran machst du das fest?“), sie erfüllt ihren Zweck schon dadurch, dass sie keine Verteidigung ist.

Fürs nächste Mal

Umgang mit Kritik: vier Tipps als PDF

Eine Infografik mit vier praktischen Tipps zum Umgang mit Kritik als PDF. Häng sie dir hin und geh sie durch, bevor du auf die nächste Kritik antwortest.

Zum Weiterlesen

Die Senderseite desselben Themas steht in Feedback geben, ohne dass es als Angriff ankommt, die zwei Artikel gehören zusammen. Wenn die Kritik als Vorwurf daherkommt, helfen die vier Reaktionswege aus Umgang mit Vorwürfen. Was in Schritt 1 innerlich passiert, vertieft Selbstempathie, und das Modell hinter dem Ganzen erklären die vier Ohren der GFK.

Kritik annehmen übt sich am besten mit wohlwollendem Publikum: Unser GFK Erlebnis-Webinar (90 Minuten) ist kostenlos.

Markus Castro, CNVC-zertifizierter Trainer für Gewaltfreie Kommunikation, Impact Institut

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