Welche GFK gibst du eigentlich weiter?

Eine Trainerin steht nachdenklich vor einer kleinen sitzenden Gruppe in einem Seminarraum.

Sonntag früh, die Gruppe ist noch nicht ganz wach, ich zeige ihnen die Prozessarbeit mit Bodenankern. Eine junge Frau (afab, das ganze Thema mit Gender als sozialem Konstrukt machen wir an dieser Stelle nicht auf, sonst dreh ich sieben Schleifen und hab dann vergessen, was ich eigentlich wollte) möchte sich gerne eine Situation von gestern Abend anschauen, nach der letzten Einheit ist sie noch durch den Park spaziert und wurde von zwei Männern angesprochen, die ihre Telefonnummer wollten. Sie sagte nein. Auf das Nein kam Drängen. Und dann stellte sie der Gruppe die Frage, um die es ihr eigentlich ging: „Wie hätte ich das denn noch gewaltfreier sagen können, so dass sie es hören?“

Mir ist die Kinnlade runtergeklappt. In der Stunde danach haben wir an keinem einzigen noch empathischeren Satz gefeilt. Wir haben an einem Nein gearbeitet, das sich endlich mit ihrer Wut verbindet, und an einer Selbstbehauptung, bei der sie ziemlich laut geworden ist. Es war eine gute Stunde. Solche Momente erlebe ich öfter, in wechselnden Varianten.

Denn die Frage der Teilnehmerin kam ja nicht von irgendwoher. Die hat ihr kein GFK-Buch beigebracht, die hatte sie schon dabei, lange bevor sie zum ersten Mal von Rosenberg gehört hat. Was wir unter Gewaltfreier Kommunikation verstehen, entscheidet sich zu einem guten Teil vorher: in dem, was wir als Kinder über unsere Rolle gelernt haben.

GFK fällt auf eine Biografie, die schon da ist

Bei vielen Frauen heißt die alte Ansage: Sei nett, sei rücksichtsvoll, mach keinen Ärger, kümmer dich erst um die anderen. Trifft diese Prägung auf GFK, wird daraus die Luxusausgabe der Selbstlosigkeit. Noch mehr Verständnis für alle, nur nicht für sich selbst. Das eigene Nein wird immer vorsichtiger formuliert, in der Hoffnung, dass es so endlich respektiert wird. Der Satz dazu klingt ungefähr so: „Ich will ihn ja nicht verletzen, er meint es bestimmt nicht böse.“ Bloß: Manche Menschen verstehen deine Grenze sehr genau und drängen trotzdem weiter. Die zwei im Park hatten das Nein schon beim ersten Mal verstanden.

Bei vielen Männern heißt die alte Ansage: Gefühle behältst du für dich, Schwäche zeigst du nicht, Probleme löst man. Trifft die auf GFK, wird daraus ein Werkzeugkasten. Vier Schritte auswendig, den Konflikt reparieren wie eine kaputte Spülmaschine, und wenn die Partnerin weint, die Schritte einfach schneller anwenden. Der Anspruch an den Trainer ist dann häufig: „Sag mir einfach, welcher Satz da funktioniert.“

Beides sieht von außen nach GFK aus, und beides ist die alte Rolle in neuem Vokabular. Die Grenze verläuft dabei nicht sauber am Geschlecht entlang: Ich war eher feminin geprägt. Ich hab Freunden in Notsituationen stundenlang zugehört, sie durch die größten Krisen begleitet, bis ich mich kaum noch getraut habe ans Handy zu gehen. Damals hab ich nicht begriffen, dass ich mein Nein überhört habe und mehr geben wollte, als möglich ist.

Das dritte Rollenbild ist die GFK selbst

Eines fällt seltener auf: das Bild der GFK selbst. Sanft, leise, unendlich geduldig, bloß nie laut werden. Auch dieses Bild ist nicht vom Himmel gefallen. In den GFK-Räumen, die ich kenne, stehen sehr oft Frauen vorne, und viele von ihnen haben dieselbe alte Ansage im Rücken wie meine Teilnehmerin. Die Rolle, die ihr das vorsichtige Nein beigebracht hat, steht eben manchmal auch vorne am Flipchart. So lernt die nächste Generation die Methode gleich mitsamt der Tonlage, und irgendwann hält das ganze Umfeld die Tonlage für die Methode.

Richtig wichtig wird das in dem Moment, wo du GFK weitergibst. Weitergeben heißt dabei mehr als Seminare halten: Eltern geben weiter, Teamleads geben weiter, und wer im Freundeskreis „die mit der GFK“ ist, sowieso. Du gibst dann immer beides weiter, die Methode und deine Lesart davon. Wer die eigene Prägung kennt, kann zumindest anfangen, Methode und Herkunft auseinanderzuhalten. Wer sie nicht kennt, unterrichtet seine Rolle mit und nennt sie GFK.

Falls du jetzt denkst, dann werde ich die Prägung eben schnell los: die schlechte Nachricht zuerst, das wird nichts. Der erste Gedanke kommt nicht von dir, das ist deine Prägung. Aber du kannst dich entscheiden, etwas anderes zu denken, und ab dem zweiten Gedanken wird es interessant. Du hast dich nicht selbst gemacht. Aber du musst mit dir leben.

Woran du deine eigene Lesart erkennst? Meistens an der Stelle, wo GFK sich verdächtig gut mit dem verträgt, was du vorher schon konntest. Wenn bei deinen Übungen am Ende immer Verständnis für die andere Seite herauskommt und nie ein lautes Nein, ist das so eine Stelle. Wenn du nach dem vierten Schritt abhakst und niemand weinen darf, auch.

Zum Weiterlesen

Wenn dieser blinde Fleck bei dir eher in Richtung Grenzen liegt, findest du in Wie setze ich Grenzen, ohne zu verletzen? das Handwerk dazu, und in Wie gehe ich mit Wut um, ohne sie runterzuschlucken? die Energie, die unter einem zu vorsichtigen Nein oft fehlt. Wenn er eher in Richtung Selbstlosigkeit zeigt, ist Was ist Selbstempathie? der passende Anschluss. Und wer über das eigene Weitergeben nachdenkt, liest weiter in Wie werde ich GFK-Trainer:in?.

In unserer Trainerausbildung arbeiten wir genau an solchen blinden Flecken, an der Macht der Trainerrolle und an der Frage, wann du einen Prozess weiterführst und wann du besser abgibst. Vier Schritte erklären ist der leichte Teil.

Markus Castro, CNVC-zertifizierter Trainer für Gewaltfreie Kommunikation, Impact Institut

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