Das erste Mal lernst du GFK für dich. Du hörst anders zu, streitest anders, merkst früher, was du brauchst. Und dann kommt irgendwann eine Kollegin nach dem Meeting zu dir und fragt: „Wie machst du das eigentlich, dass du bei sowas so ruhig bleibst?“ Du fängst an zu erklären, und dabei merkst du: So richtig sagen kannst du es gar nicht.
In dem Moment fängt das zweite Lernen an. Solange du GFK nur für dich anwendest, darf vieles Gefühlssache bleiben. Sobald du sie erklärst, musst du plötzlich wissen, was du da eigentlich tust und warum es funktioniert. Beim Erklären merkst du ziemlich schnell, wo es bei dir selbst noch dünn ist, und genau das macht es so nützlich. Ich kenne keine intensivere Form zu lernen als das Weitergeben.
Die zweite Lektion sag ich nicht so gern
Es gibt eine zweite Sache, die man beim Weitergeben lernt, und die betrifft mich selbst: wie schnell man sich überschätzt. Vor etwa zehn Jahren bekam ich die Marketing-Mail eines jungen Trainers, Mitte zwanzig. Mit GFK lösten sich selbst tiefe Traumata auf, wirklich, das ginge sogar in 90-Minuten-Sessions über Skype (kennt noch jemand Skype?). Ich hab zur selben Zeit grade knietief in meinen eigenen Themen gesteckt und mich zum ersten Mal ernsthaft mit Trauma auseinandergesetzt. Heute weiß ich, wie langsam und mühsam so ein Weg ist. Damals war ich so unsagbar wütend über diese Mail, dass sie eine Stunde lang Thema in meiner Psychoanalyse war. Heute vermute ich, bei ihm war bis dahin einfach alles gut gegangen, und er hatte keine Vorstellung davon, was ihm um die Ohren fliegt, wenn es das nächste Mal nicht gelingt.
Woran ich einen reifen Trainer erkenne, ist deshalb nicht die Methodensicherheit. Es ist die Frage, ob er weiß, was schiefgehen kann, wenn es bei jemandem gerade nicht gut läuft, und ob er dann rechtzeitig abgibt statt weiterzumachen. Ich hab am Anfang auch geglaubt, mit GFK ließe sich beinahe alles lösen. Ich hab mich geirrt, und diese Erfahrung gehört für immer mir. Euphorie hat Platz gemacht für Realismus, Überschätzung für Handwerk. Spaß macht es mir immer noch, und im Herzen lebt weiter eine Utopie: Wir begegnen uns alle als Menschen, auf Augenhöhe. Ist halt Fleißarbeit, das passiert nicht einfach so.
Ein guter Trainer macht sich entbehrlich
Das Schöne am Weitergeben ist trotzdem größer als die Warnung. Die besten Absolvent:innen sind am Ende die, die mich nicht mehr brauchen. Du wirst mit GFK nicht die Welt retten und nicht jeden Menschen vor dir tief verwandeln. Aber du kannst aufhören, dir das abzuverlangen, und genau das macht dich für die Leute vor dir erst brauchbar.
Das gilt übrigens unabhängig davon, ob du je vor einer Seminargruppe stehen willst. Eltern geben weiter, Teamleads geben weiter, wer eine Übungsgruppe mitgründet, gibt weiter. Ob du weitergibst, hast du oft gar nicht in der Hand. Wie bewusst du es machst, schon. Was mir Teilnehmende auffällig oft erzählen: Der eigene Umgang mit Konflikten verändert sich noch einmal deutlich, wenn man ihn regelmäßig vor anderen erklären muss.

Video (80 Min.): Frank Gaschler im Interview zu GFK, Anspruch und Wirklichkeit, Zertifizierung und mehr.
Zum Weiterlesen
Bevor du ans Weitergeben denkst, lohnt der ehrliche Blick auf das Format: Wie werde ich GFK-Trainer:in? und Woran erkenne ich eine gute GFK-Ausbildung? beantworten, wie lange der Weg wirklich dauert und was ein Zertifikat kann. Dass das Erklären dein eigenes Zuhören schärft, merkst du am ehesten an Wie höre ich empathisch zu?, und wie sehr deine eigene Prägung mitunterrichtet, steht in Welche GFK gibst du eigentlich weiter?.
Wenn du GFK weitergeben willst und dabei deine eigene Version nicht mit der ganzen Methode verwechseln möchtest, findest du in unserer Trainerausbildung den Rahmen dafür. Du brauchst keine fehlerfreie GFK, du brauchst eigene Praxis und die Bereitschaft, an deinen eigenen Konflikten weiterzuarbeiten.
Markus Castro, CNVC-zertifizierter Trainer für Gewaltfreie Kommunikation, Impact Institut


