Was sind Bedürfnisse in der GFK?

Zwei Hände halten einen Fächer aus unbeschrifteten Karten.

Bedürfnisse sind in der Gewaltfreien Kommunikation (GFK) die Grundanliegen hinter deinen Gefühlen und Handlungen: Respekt, Verlässlichkeit, Klarheit, Zugehörigkeit, Autonomie. Alle Menschen teilen dieselben Bedürfnisse, nur ihre Dringlichkeit unterscheidet sich von Situation zu Situation. Im Alltag treten sie selten unter diesem Namen auf. Meistens klingen sie wie Werte: Deine Kollegin sagt „Mir ist wichtig, dass wir Absprachen einhalten“, und in diesem Satz spricht ein Bedürfnis.

Vielleicht würdest du das Wort „Bedürfnis“ im Büro nie in den Mund nehmen, weil es nach Beziehungsratgeber klingt. Musst du auch nicht. Du redest im Job ohnehin ständig über Bedürfnisse, du nennst sie nur anders: Werte, Haltungen, das, was dir in der Zusammenarbeit wichtig ist.

Wie Bedürfnisse in der Zusammenarbeit klingen

Wir haben die wichtigsten dieser Werte auf einer Karte gesammelt, sie heißt „Werte und Haltungen für gute Zusammenarbeit“: eine Landkarte voller Begriffe rund um den Satz „Uns ist… wichtig“ in der Mitte. Die Begriffe gruppieren sich in sieben Cluster: Miteinander, Leistung und Ergebnisse, Gesundheit, Innovation und Kreativität, Persönliche Integrität und Werte, Führung, Entwicklung.

Interessant wird die Karte, wenn du Sätze aus deinem Büroalltag danebenlegst. Dein Kollege sagt: „Ich erfahre hier alles als Letzter.“ Auf der Karte heißt das Transparenz, vielleicht auch Teilhabe. Deine Teamleiterin sagt: „Ich muss jeden Handgriff dreimal kontrollieren.“ Übersetzt heißt das Einhalten von Absprachen und Qualität. Und die Frage „Können wir einmal ohne Handys reden?“ zeigt ziemlich direkt auf Präsenz und gehört werden.

Keiner dieser Sätze klingt nach Lehrbuch, und alle drei benennen Bedürfnisse. Genau dafür ist die Karte gedacht: Du musst kein GFK-Vokabular sprechen, um über Bedürfnisse zu reden. Es reicht, den Satz „Uns ist… wichtig“ ernst zu nehmen und die Lücke ehrlich zu füllen.

Strategie, Wert und Bedürfnis im Alltag trennen

Strategie als Bedürfnis. „Mir ist wichtig, dass wir jeden Morgen um neun ein Daily machen“ nennt eine Uhrzeit und ein Format, das ist ein konkreter Weg. Das Bedürfnis darunter heißt vielleicht Orientierung oder Klarheit in Aufgaben und Zielen, und beides lässt sich auch mit zwei Terminen pro Woche erfüllen. Den Unterschied erkennst du daran, dass im Bedürfnis keine bestimmte Person, keine Uhrzeit und kein festgelegtes Verhalten vorkommt. Sobald so etwas im Satz steht, redest du über einen Weg, und über Wege lässt sich verhandeln.

Wert als Urteil. „Dir fehlt einfach jeder Respekt“ benutzt ein Wort von der Karte und ist trotzdem ein Vorwurf. Das Urteil sagt etwas über dein Gegenüber aus, das Bedürfnis sagt etwas über dich. Für den Weg zurück gibt es die Kopfstand-Methode: Du drehst die Bewertung ins Positive und fragst, worauf sie zeigt. Aus „Meine Chefin ist ein Kontrollfreak“ wird die Frage, was dir fehlt, wenn sie zum dritten Mal nachfasst. Vermutlich Zutrauen, womöglich Freiraum, beide stehen auf der Karte. (Die gibt es übrigens auch gedruckt, als eine von vier A5-Karten im GFK Starterset für zehn Euro; auf der Rückseite ist genau diese Übersetzung von Urteilen in Bedürfnisse beschrieben.)

Vom Poster zum sagbaren Satz

Auf der Karte steht ein Merksatz: „Wenn du weißt, was dir und deinem Gegenüber wichtig ist, kannst du empathischer und klarer Feedback geben.“ Das klingt harmlos und verändert doch, wie Feedback ankommt. Statt „Deine Doku ist wieder unbrauchbar“ kannst du sagen: „Mir ist Qualität wichtig, und im Handbuch fehlen die letzten zwei Änderungen.“ Der zweite Satz nennt dein Anliegen und eine Beobachtung, und dein Kollege kann darauf antworten, ohne sich erst verteidigen zu müssen.

Werte wirken erst in solchen Sätzen. Deshalb halte ich wenig von Werte-Postern, wie sie in vielen Leitbildern und Fluren hängen. Ein Wert, den niemand im Team in einen sagbaren Satz übersetzen kann, ist Dekoration. „Respekt“ auf dem Poster kostet nichts. „Wir lassen einander im Meeting ausreden, auch wenn wir dadurch später fertig werden“ kostet Zeit, und erst an dieser Stelle zeigt sich, ob euch der Wert wichtig ist oder nur gut steht.

Wenn du das mit deinem eigenen Team ausprobieren willst, nimm die Karte, kreuz die drei Begriffe an, die dir gerade am wichtigsten sind, und lass deine Kollegin dasselbe tun. Über den Unterschied zwischen euren Kreuzen gibt es vermutlich mehr zu reden als in jeder Leitbild-Runde.

Zum Mitnehmen

Die Werte-Landkarte als Bild

Die A5-Karte mit der Bedürfnis-Landkarte aus diesem Artikel als Bild zum Ausdrucken. Häng sie dorthin, wo ihr eure Meetings habt, und such beim nächsten Konflikt das Wort, um das es eigentlich geht.

Karte gratis ladenDas gedruckte GFK Starterset im Shop

Zum Weiterlesen

Die Unterscheidung zwischen Weg und Anliegen führt Bedürfnis oder Strategie? weiter aus. Wenn du beim Suchen mehr Auswahl brauchst als die Begriffe der Karte, hilft dir die Bedürfnisliste. Den Zwischenschritt über die Gefühle, die auf deine Bedürfnisse zeigen, beschreibt Gefühle benennen. Wie aus der Haltung hinter „Uns ist… wichtig“ ein ganzer Gesprächsstil wird, liest du in Wertschätzende Kommunikation, und den Überblick über die Methode dahinter gibt Was ist Gewaltfreie Kommunikation?.

Markus Castro, CNVC-zertifizierter Trainer für Gewaltfreie Kommunikation, Impact Institut

Schreibe einen Kommentar

Cookie Consent mit Real Cookie Banner