Einen Streit schlichtest du, indem du das Gespräch verlangsamst und aufs Urteilen verzichtest. Lass beide Seiten nacheinander ausreden, und sorge dafür, dass die jeweils andere wirklich zuhört. Biete Vermutungen als Fragen an, bei denen ein Nein erlaubt ist. Such das Ungesagte hinter den Vorwürfen. Und lass die Lösung bei den beiden: Ein Schiedsrichter beendet keinen Streit, er vertagt ihn.
„Jetzt sag du doch mal, wer hier recht hat!“
Wer zwischen zwei streitenden Menschen steht, bekommt diesen Auftrag früher oder später. Deine Schwester und ihr Mann, zwei Freundinnen, deine Eltern: Beide schauen dich an, und beide wollen dasselbe von dir, ein Urteil zu ihren Gunsten.
Als Mediatorin lebe ich davon, genau das nicht zu liefern. In meinen Mediationen sitzt kein Richter. Und das Erstaunliche ist: Erst dadurch bewegt sich etwas.
Schritt für Schritt: schlichten ohne Urteil
1. Verlangsame das Gespräch. Solange beide gleichzeitig reden, verteidigt jeder nur noch. Du hältst die Reihenfolge: Erst redet die eine Seite aus, dann die andere. Das klingt banal und ist die halbe Arbeit.
2. Sorge dafür, dass zugehört wird. Zuhören heißt hier: ohne nebenbei die eigene Antwort vorzubereiten. Du darfst das aussprechen: „Du bist gleich dran. Gerade will ich verstehen, wie es für sie war.“
3. Biete Vermutungen an, keine Diagnosen. Hinter einem Vorwurf steckt fast immer etwas, das wichtiger ist als der Vorwurf. Vermute laut und frag nach: „Ich vermute, dir geht es eigentlich um Verlässlichkeit. Trifft das zu?“ Ein Nein ist dabei eine brauchbare Antwort. Dann weißt du mehr als vorher, und die Vermutung ist vom Tisch.
4. Such das Ungesagte. Kein Streit kommt aus dem Nichts, er kommt aus dem Ungesagten. Frag nach der Grenze, die nie ausgesprochen wurde, nach dem Ärger, der lange geschluckt wurde. Ein zuverlässiges Signal ist der Satz „Das weiß doch jeder!“: Genau an dieser Stelle wurde etwas nie gesagt.
5. Frag nach Anteilen, nie nach Schuld. „Wer hat angefangen?“ führt vor Gericht, und vor Gericht leugnet jeder. Hilfreicher sind zwei Beschreibungs-Fragen: „Was hast du beigetragen?“ und „Was hättest du gebraucht?“ Anteil ist etwas anderes als Schuld. Schuld ist ein Urteil, Anteil ist eine Beschreibung, und nur über Anteile lässt sich etwas verändern.
6. Lass die Lösung da, wo sie hingehört. Dein Kompromissvorschlag ist deiner. Tragfähig wird, was die beiden selbst gebaut haben. Deine Aufgabe ist erfüllt, wenn wieder miteinander geredet werden kann, und zwar auch ohne dich.
Die typische Stolperfalle: Du wirst Partei
Beide werben um dich, und eine Seite ist dir meistens näher. Sobald du innerlich Partei bist, schlichten deine Fragen nicht mehr, sie ermitteln. Sei ehrlich mit dir: Wenn du dir den Ausgang wünschst, den eine Seite will, bist du Verbündete oder Verbündeter, keine Schlichtung. Das darfst du übrigens sein. Nur nenn es dann auch so, für alle hörbar.
Wann du die Finger davon lassen solltest
Wenn du selbst Teil des Konflikts bist, kannst du ihn nicht schlichten; dann brauchst du eher selbst jemanden, der zuhört. Wenn Angst im Raum ist, eine Seite die andere kontrolliert oder Gewalt im Spiel ist, ist Schlichten im Wohnzimmer der falsche Rahmen. Dann geht Schutz vor Klärung, und es braucht professionelle Hilfe. Und wenn derselbe Konflikt seit Jahren eingefroren ist, braucht es oft mehr Struktur, als ein Küchentisch hergibt: zum Beispiel eine Mediation mit einer unbeteiligten dritten Person.
Zum Weiterlesen
Was ein strukturiertes Verfahren leisten kann, wenn es privat allein nicht mehr geht, steht in Was ist Mediation, und was kann sie wirklich leisten?. Bei streitenden Kindern gelten eigene Regeln, dazu Geschwisterstreit: eingreifen oder raushalten?. Und wenn du selbst mittendrin steckst statt daneben: Wie streiten wir fair? und Warum eskaliert jeder Streit bei uns?.
Simone Neumann



