Persönliche Grenzen setzen: wenn grenzenlose Empathie gefährlich wird

Eine geöffnete Tür bildet mit Licht und Schatten eine klare räumliche Schwelle.

Persönliche Grenzen setzen heißt, deine eigenen Bedürfnisse und dein Nein so ernst zu nehmen wie die Anliegen der anderen. Gerade wer viel Empathie gelernt hat, schluckt Ärger oft runter und funktioniert weiter. Der erste Schritt ist, die eigene Grenze überhaupt zu spüren und dir zuzugestehen, dass du nicht auf alles ruhig reagieren musst. Ein klares Stopp ist keine Niederlage.

Das Idealbild der GFK: Verbindung

Das Setzen persönlicher Grenzen ist fast schon ein Trend in Inhouse-Seminaren, im Kundenkontakt, mit Vorgesetzten und sogar mit den eigenen inneren Antreibern. Im Idealbild der GFK geht es um Verbindung: zu mir, zu dir, im Wir. Wir hören zu, verstehen, verbinden uns mit dem, was wir an Gefühlen und Bedürfnissen hören. Aus dieser Verbindung erwächst eine tiefere Beziehung und oft auch die bessere Lösung. Ich habe immer wieder erlebt, wie gut das tut und wie selbst tiefe Gräben überwunden werden. Unter den richtigen Bedingungen funktioniert das wunderbar.

Die Realität: immer härtere Situationen

In der Praxis treffen wir aber immer öfter auf eine andere Ausgangslage. Überforderte Dienstleister, Pflegekräfte, Vertriebler oder Leute im Telefonsupport stehen vor zusehends härteren Situationen. Die Pflegefachkraft, die sich fragt, ob die sexualisierten Übergriffe an ihrem Verhalten liegen. Das Vertriebsteam für Solaranlagen, das in Bürgerforen angebrüllt wird. Die Telefonistin mit Akzent, die aufs Heftigste rassistisch beleidigt wird. Und bei allen der Anspruch, damit irgendwie umzugehen, mit den richtigen Worten zu deeskalieren und zurück zur Sache zu finden.

Klar, das kann klappen. Aber in solchen Kontexten kommt mir das Bild von den Outdoor-Heizpilzen in den Kopf: kalte Herbsttage, und statt sich drinnen aufzuwärmen, stellen die Cafés die Tische raus und verfeuern munter Gas, um den Hof zu heizen. Nur dass in den Firmen die Mitarbeiter verheizt werden. Wenn diese Situationen immer häufiger werden, deutet das auf strukturelle Probleme hin.

Worum es beim Grenzen setzen wirklich geht

Den Menschen, die in die Seminare geschickt werden, hilft es wenig, wenn ich nur mit Schulterzucken auf ungesunde Strukturen verweise. Also trainieren wir mit ihnen anhand eines einfachen Modells den Umgang mit schwierigen Situationen. Oberstes Ziel ist dabei kein „erfolgreiches“ Gespräch um jeden Preis. Es geht um einen feinfühligen Umgang mit den eigenen Grenzen. Neben den äußeren Strukturen sind die eigenen Ansprüche und das verinnerlichte Runterschlucken von Ärger die Hauptbaustellen.

Für viele Menschen kommt ein „Stopp!“ einer Niederlage gleich. Die eigenen Grenzen wahrzunehmen und mir zuzugestehen, dass ich nicht auf alles ruhig und empathisch reagieren muss, wenn ich innerlich Panik kriege oder wütend werde, das ist schon ein großer Schritt. Wenn die Leute am Ende verstehen, dass sie Nein sagen dürfen, dass sie nicht alles schaffen müssen, schon gar nicht allein, und dass es ok ist, auf das innere Bauchgrummeln zu hören, dann ist viel erreicht.

Wie geht es dir damit?

Zum Weiterlesen

Wie du das Nein konkret über die Lippen bringst, steht im Artikel über Nein sagen. Warum sich runtergeschluckter Ärger später meldet und was er dir sagen will, liest du im Text über Ärger in der GFK. Und wie du Grenzen auch in der Führungsrolle klar ziehst, zeigt der Artikel über Grenzen setzen als Führungskraft.

Markus Castro, CNVC-zertifizierter Trainer für Gewaltfreie Kommunikation, Impact Institut

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