Wie gehe ich mit der GFK konstruktiv mit Ärger um?

Ärger ist eine allgegenwärtige Emotion, mit der wir häufig überfordert sind. Wir fressen ihn dann in uns hinein oder lassen ihn an anderen ab. Die vier Schritte der GFK können helfen, ihn besser zu verstehen.

Foto: Trainer Stefan Becker in Seminarsituation mit Teilnehmer:innen

Ärger ist ein Mix aus unangenehmen Gefühlen und urteilenden Gedanken über andere oder über dich selbst. Mit der GFK bringst du beides auseinander: Du nimmst die Wut als Energie ernst, statt sie zu unterdrücken, und übersetzt die urteilenden Gedanken in die Bedürfnisse dahinter. Über die vier Schritte, Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis und Bitte, kannst du deinen Ärger verstehen und in eine klare Grenze verwandeln, statt ihn hinunterzuschlucken oder an anderen abzuladen.

Wie Ärger entsteht

Ärger ist eine komplexe Emotion. Als Arbeitshypothese gehen wir davon aus, dass ein Mix aus unangenehmen Gefühlen (Wut, Aufregung, Schmerz) und urteilenden Gedanken vorliegt („Wie konnte er nur so dumm sein, das hätte er nicht tun sollen“). Genau dieser zweite Teil, das Urteilen, hält den Ärger am Kochen.

Wie Ärger entsteht in der Gewaltfreien Kommunikation

Der Unterschied zwischen Wut und Ärger

Wut ist wie ein heißes Feuer, eine intensive Energie, die sich konstruktiv oder destruktiv nutzen lässt. Mit Feuer kannst du ein Essen zubereiten oder den Topf zum Überkochen bringen. Wut schützt, wärmt und gibt dir die Kraft, Nein zu sagen und für dich einzustehen.

Ärger ist eher der schwelende Autoreifen im Feuer: ein rauchendes Gefühl, das lange anhält und die Klarheit trübt. Er besteht aus urteilenden, moralistischen Gedanken, die dich blockieren und daran hindern, die Kraft der Wut sinnvoll zu nutzen.

Wege, mit Ärger umzugehen, und warum viele nicht funktionieren

Es gibt viele Möglichkeiten, mit Wut und Ärger umzugehen. Einige davon sind alles andere als hilfreich.

Sich „getriggert“ fühlen

In den letzten Jahren höre ich oft Sätze wie „Das hat mich getriggert“ oder „Er hat mich getriggert“. Wer so redet, schiebt die Verantwortung für den eigenen Ärger nach außen, reagiert impulsiv und macht den Auslöser zum Schuldigen. Der Auslöser sitzt außen, die Ursache aber liegt bei den eigenen Bewertungen.

Wut unterdrücken

Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die ihre Wut nicht zulassen können. Die äußere Ruhe wirkt dann oft brüchig: Sie behaupten unter Stress, sachlich zu bleiben, aber beim Gegenüber kommt jede Menge Aggressivität an. Das kann schädlicher sein als offene Wut, weil obendrauf die Verwirrung kommt: „Er ist ja nicht laut geworden, warum hat mich das dann so getroffen?“

Der Dampfkochtopf

Die Steigerung ist, sich so lange zusammenzureißen, bis nichts mehr geht, und dann für die Umwelt scheinbar aus dem Nichts zu explodieren. Von 0 auf 100, auch bei nichtigen Anlässen.

Ärger wegdenken

Und dann gibt es noch die „Mensch ärger dich nicht“-Fraktion der Gewaltfreien Kommunikation. Als ich anfing, die GFK zu lernen, konnte ich meine Wut überhaupt nicht zulassen oder aushalten. Also dachte ich, es gehe darum, Ärger wegzumachen. Bei mir kamen Sätze an wie „Ärger hat was mit Denken zu tun, also fühl lieber deine Bedürfnisse und hör auf zu denken, dann ärgerst du dich auch nicht mehr“.

Bei meinem Energielevel war das komplett unrealistisch, fast wie der Glaube an einen GFK-Zauberstab: „Ich muss mich einfach von meinen Bewertungen trennen und die Situation objektiv wahrnehmen, während ich ärgerlich bin, und schwupps, fühl ich etwas anderes.“ Damit hab ich eher meinen Dampfkochtopf gefüttert und mich rationalisiert. Was mir gefehlt hat, war eine Idee, wie ich die Energie der Wut konstruktiv nutzen kann.

Wut zulassen und dosieren

Wut lässt sich dosiert einsetzen, um sich abzugrenzen, Nein zu sagen und sich zu schützen. Gesunde Wut ist eine wichtige Energiequelle, die dir hilft, für dich einzustehen und klare Grenzen zu setzen.

Zwei Arbeitshypothesen für den Umgang mit starken Emotionen

Der Körper ist der Schlüssel

Emotionen sind Energien, die im Körper wirken und sich körperlich ausdrücken wollen. Wenn du Wut unterdrückst und dich nicht bewegen oder laut werden darfst, gerät das innere Gleichgewicht ins Wanken. Viele GFK-Praktizierende gehen sehr verkopft an die Sache heran und wundern sich, dass sie mit Wut oder Trauer nicht klarkommen. Beziehe den Körper mit ein und lass Bewegung zu, damit die Emotion verarbeitet werden kann.

Emotionsregulation kann man lernen

Du kannst lernen, mit der Energie klarzukommen, sie zu halten und sie unter Umständen auch loszulassen. Dazu gehört, deinen Ärger zu übersetzen und auszudrücken, ohne Schuldzuweisungen zu machen. Das ist etwas anderes, als ihn aus Hilflosigkeit „wegzumachen“.

Ärger auflösen mit der Wolfsshow, Impact Institut

Die vier Schritte der GFK, angewandt auf Ärger

Beobachtung: Worauf richtest du deinen Fokus?

Der erste Schritt in der GFK ist die Beobachtung. Beim Ärger bietet er dir zwei Möglichkeiten: präzise zu beschreiben, was tatsächlich passiert ist, ohne sofort zu bewerten, und den Blick zu weiten, statt in Scheuklappen zu bleiben.

Ein Beispiel: In einem Meeting siehst du, dass eine Person bei deinen Aussagen die Stirn runzelt. Sofort kommen Gedanken, sie möge deine Moderation nicht, und du ärgerst dich: „Ich geb hier mein Bestes und es passt ihm mal wieder nicht.“ Diese urteilenden Gedanken sind es, die dich ärgern. Tatsächlich passiert ist: Jemand hat die Stirn in Falten gelegt. Was du dabei übersiehst: dass neun andere Menschen lächeln und froh sind, dass du moderierst. Achte bewusst darauf, worauf du deinen Fokus legst, und mach dir dein Kopfkino bewusst.

Gefühl: Ärger vom Kopf in den Körper bringen

Der zweite Schritt beleuchtet die Gefühle. Weil Ärger zum Großteil im Kopf stattfindet, kannst du versuchen, ihn vom Kopf in den Körper zu holen, ihn dort wahrzunehmen und Veränderung zu erlauben. Dabei helfen Fokusfragen: Wo nehme ich den Ärger wahr? Wie fühlt er sich genau an? Spüre ich einen höheren Herzschlag oder Muskelanspannung?

Wenn du diese körperlichen Reaktionen beobachtest, ohne sie gleich als Ärger zu deuten, und einfach nur wahrnimmst, was passiert, verändert sich möglicherweise etwas. Die Energie kann aufwallen und wieder abebben, einfach weil du nicht mehr dagegen ankämpfst. Wenn nichts passiert, ist das auch ok. Es geht nicht ums Wegmachen.

Bedürfnisse: Kopfkino übersetzen

Der dritte Schritt ist das Erkennen der eigenen Bedürfnisse. Dein Kopfkino liefert dir viele Bewertungen, in denen wunderschöne Bedürfnisse stecken, die in der aber den Ärger weiter anheizen. Diese Gedanken kannst du übersetzen. Mit der Kopfstand-Methode wird aus „Respektlos!“ ein „Ich brauche Respekt.“ Nimm wahr, ob das etwas verändert. Auch wenn du noch ärgerlich bist, kann das Aussprechen deiner Bedürfnisse schon für etwas Entspannung sorgen.

Bitten: in Kontakt gehen

Der vierte Schritt besteht darin, konkrete Bitten zu formulieren und in Kontakt zu gehen. Das muss nicht gleich die Lösung sein, häufig geht es erstmal ums Verstehen und Verstandenwerden. Kläre, ob das, was du wahrgenommen hast, wirklich so gemeint war: „Hey, wenn ich das von dir höre, läuft bei mir der Film ab, dass du kritisierst, was ich mache, und ich brauch da einen Realitäts-Abgleich. Was möchtest du mir damit sagen?“ Solche Fragen klären Missverständnisse, bevor der Ärger sich weiter aufbaut.

Ärger ist also kein Feind, den du loswerden musst. Er ist ein lautes Signal, das dir zeigt, dass dir gerade etwas wichtig ist und fehlt. Wer gelernt hat, ihn zu lesen, verliert die Angst vor der eigenen Wut.

Zum Weiterlesen

Wenn dir die vier Schritte an dieser Stelle zu schnell gingen, findest du sie in Ruhe erklärt im Artikel zu den vier Schritten der GFK. Warum Gefühle wie Ärger überhaupt auf Bedürfnisse zeigen, steht im Text über Gefühle und Bedürfnisse. Und wenn dein Ärger oft daher kommt, dass du zu spät Grenzen ziehst, hilft dir der Artikel über Nein sagen.

Wenn du ganz praktisch lernen willst, wie das funktioniert, kannst du das in unserer GFK-Jahresausbildung vertiefen. Neben vielen anderen Themen geht es dort auch um einen vernünftigen Umgang mit Wut und Ärger.

Markus Castro, CNVC-zertifizierter Trainer für Gewaltfreie Kommunikation, Impact Institut

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