Giraffensprache ist das Bild aus der Gewaltfreien Kommunikation (GFK) für eine Sprache, die von den eigenen Gefühlen, Bedürfnissen und Wünschen spricht, statt zu urteilen und Schuld zu verteilen. Marshall Rosenberg wählte die Giraffe, weil sie das Landtier mit dem größten Herzen ist und mit ihrem langen Hals den Überblick behält. Das Gegenstück nennen wir Wolfssprache: die Sprache aus Vorwürfen, Verallgemeinerungen und Rechthaben, die fast alle von uns als Muttersprache gelernt haben.
Wenn dein Kind aus der Kita kommt und erzählt, heute hätten sie Giraffensprache geübt, ist damit genau das gemeint: sagen, was los ist und was man sich wünscht, ohne den anderen zum Schuldigen zu machen.
Wolfssprache: der Autopilot
Wolfssprache ist keine Charakterschwäche und auch kein Zeichen, dass jemand böse ist, sie ist schlicht der Autopilot, der anspringt, wenn wir gestresst, müde oder verletzt sind. Der Wolf sucht die Ursache für seinen Ärger im anderen, macht ihn für die eigenen Gefühle verantwortlich und redet auf ihn ein, damit er sich ändert. Typische Erkennungszeichen: „immer“, „nie“, „typisch du“. Und der Wolf hat zwei Betriebsarten, denn er spricht und hört gleich mit: Während du redest, sammelt er schon Stoff für den Gegenangriff.
So klingt das abends im Kinderzimmer: „Nie räumst du dein Zimmer auf! Du bist so ein Chaot.“ Zwei Sätze, zwei Urteile, und dein Kind hat jetzt genau zwei Möglichkeiten, zurückschnappen oder dichtmachen. Was am Boden liegt, ist danach immer noch da.
Dieselbe Situation in Giraffensprache
Die Giraffe beschreibt erst, was sie sieht, sagt dann, was mit ihr los ist, und macht daraus einen konkreten Wunsch: „Ich seh Legos auf dem ganzen Boden, und ich will abends nicht mehr drauftreten. Räumst du sie vor dem Essen in die Kiste?“
Der Unterschied liegt in drei Dingen. Die Beschreibung ist überprüfbar, über Legos auf dem Boden lässt sich schlecht streiten, über „Chaot“ schon. Der Satz spricht von dir statt über das Kind. Und am Ende steht etwas, das dein Kind tun kann, mit einer echten Wahl. Genau diese Bausteine sind die vier Schritte der GFK, die Giraffe ist ihr Maskottchen.
Die Giraffe ist nicht die brave Variante von dir
Das größte Missverständnis über Giraffensprache ist, dass sie weich sei. In Wahrheit kann die Giraffe sehr klar und sehr unbequem werden, sie verzichtet nur auf Schuldzuweisung. „Ich will abends nicht mehr auf Legos treten“ ist eine Ansage, kein Bitten um gutes Wetter. Auch ein deutliches Nein, eine Grenze oder ein „So nicht“ lassen sich in Giraffensprache sagen, oft sogar klarer, weil kein Urteil im Weg steht, an dem sich das Gegenüber abarbeiten kann.
Andersherum gilt das auch: Wer in gesäuseltem Ton Vorwürfe verpackt, spricht Wolfssprache mit Giraffenkostüm. Kinder durchschauen das übrigens schneller als Erwachsene.
Giraffen-Ohren: die Hälfte, die oft vergessen wird
Giraffensprache hat eine zweite Hälfte, das Zuhören. Mit Giraffen-Ohren hörst du hinter einem Vorwurf die Frage, was die Person gerade braucht. Wenn deine Tochter schreit „Du bist die blödeste Mama der Welt!“, hören die Wolfs-Ohren eine Frechheit, die bestraft gehört. Die Giraffen-Ohren hören ein Kind, das gerade wütend ist, weil es etwas nicht bekommt, das ihm wichtig war. Du musst deshalb nicht nachgeben. Du kannst wütend bleiben lassen, was wütend ist, und trotzdem bei deiner Entscheidung bleiben: „Du bist grad richtig sauer auf mich, hm? Du hättest so gern weitergespielt. Und wir gehen jetzt trotzdem los.“
Für Kita und Schule ist genau das der Kern: Giraffensprache heißt für Kinder zuerst, dass ihre Gefühle ein Wort bekommen und ernst genommen werden. Regeln und Grenzen bleiben trotzdem bestehen.
Zum Weiterlesen
Die Methode hinter dem Tierbild, samt Herkunft und Einordnung, erklärt der Grundlagenartikel Was ist Gewaltfreie Kommunikation nach Rosenberg?. Die Bausteine des Giraffensatzes findest du unter Was sind die vier Schritte der GFK?, und wie solche Sätze in zehn typischen Alltagssituationen klingen, zeigen die GFK-Beispiele. Wie das Zuhören mit Giraffen-Ohren im Detail geht, steht in Wie höre ich empathisch zu?.
Wenn du Giraffensprache lieber einmal ausprobieren willst, statt weiter darüber zu lesen: Unser GFK Erlebnis-Webinar (90 Minuten) ist kostenlos.
Markus Castro, CNVC-zertifizierter Trainer für Gewaltfreie Kommunikation, Impact Institut


