Seit ein paar Jahren ist das Thema Nervensystem überall. Ich lese darüber in meinem Feed, kriege Werbung, jeder ist plötzlich Expert:in für Trauma und Dopamin, ich hör es in meinen Seminaren, in Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen. Polyvagaltheorie, Entwicklungstrauma, Regulationstechniken. Und ich stehe da und bin mir selbst nicht einig.
Und ich denk mir einerseits: Endlich. Endlich verstehe ich, warum mir GFK nach fünfzehn Jahren immer noch schwerfällt. Ich kenne die vier Schritte, ich unterrichte sie. Und trotzdem stehe ich manchmal in meiner Küche und sage Dinge, die auf keinem meiner Flipcharts stehen. Dass das etwas mit meinem Nervensystem zu tun hat, mit alten Überlebensmustern, die sich nicht an meine Fortbildungen halten, das war für mich eine Revolution. Ein Hebel, der auch da greift, wo GFK alleine nicht hinkommt.
Ich hab eine komplexe PTBS. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn mein Körper schneller reagiert als mein Verstand, und zwar nicht als Metapher. Es gibt Momente, da nützt dir die schönste Selbstempathie nichts, weil du biologisch gar nicht mehr in dem Zustand bist, in dem Selbstempathie funktioniert. Wenn bestimmte Schutzmechanismen greifen, geht NICHTS mehr. Das zu verstehen war befreiend, und es hat mir ein Werkzeug an die Hand gegeben, mit dem ich etwas machen konnte.
Andere Umstände schaffen, mich ein Stück weit distanzieren, die Intensität akzeptieren, ohne daraus gleich übergroße Schlüsse abzuleiten.
Manchmal übernimmt einfach ein kleiner Kobold das Steuer, vielleicht auch nur, indem er mich die halbe Nacht wachhält und mir einflüstert, wie sinnlos alles ist. Diesen Automatismus behebe ich nicht mit noch mehr Nachdenken über Bedürfnisse, sondern vielleicht einfach mit weniger Kaffee, weniger Handy, nicht drauf reinfallen, dass das meine Gedanken wären.
Andererseits…
Begegnet mir seit Jahren immer mehr Therapie-Sprech und Diagnose-Wörter, bei denen ich mich frage: „Woher könnt ihr das eigentlich so genau sagen?“
„Da fehlt meinem Nervensystem das Dopamin.“ Du meinst, du langweilst dich?
„Mein Nervensystem ist übererregt.“ Du bist nervös…
„Ich konnte nicht anders, ich war komplett getriggert.“ Oder… vielleicht warst du wütend und hast ihn angeschrien, weil du Abstand brauchtest?
Ein Kern von Marshalls Ansatz war immer, sprachlich Verantwortung zu übernehmen für das eigene Erleben. Deswegen die Reduktion auf Gefühle und Bedürfnisse, weil das das ist, was ich unmittelbar erlebe. Ich zumindest hab keine Anzeigetafel, die mir sagt: „Dopamin ist alle“. Ich hab Gefühle.
ICH fühle. ICH brauche. ICH will.
Nicht mein Nervensystem, nicht mein inneres Kind, nicht meine Prägung.
Ich.
Aus dieser Brille betrachtet sind alles andere erstmal Geschichten, die ich mir über mich erzähle. Das Nervensystem und irgendwelche Hormone sind eine Erklärungsgeschichte, die mir helfen kann, diese Gefühle zu verstehen. Aber es ist nicht Freuds Unterbewusstsein, für das du erstmal zehn Jahre in Analyse musst, bevor du überhaupt mitreden darfst über dein eigenes Leben.
Es ist Teil von dir. Es bist du.
Das ist die Zumutung der GFK, mich nicht davon zu distanzieren, zumindest erstmal nicht. Erstmal alles zu mir nehmen, und zu sagen: „Ich fühle, weil ICH brauche“. Und wenn ich das ein paar Jahre geübt habe, dann kann ich sehen, wo das Distanzieren mich weiterbringt. „Ein Teil von mir scheint da was dagegen zu haben“. Super, wenn ich schon ein paar Schleifen mit der GFK gedreht hab, aber wenn ich grade erst anfange, dann ist das ein Umgehen der eigenen Verantwortung. Ich würde ja gerne, mein Nervensystem lässt mich nicht.
Die Kehrseite der Zumutung ist doch grade das Empowernde an der GFK: Erstmal dieses Erlebnis zuzulassen, mit allem was dazu gehört. Und mir klar zu werden: Worüber kann ich eigentlich entscheiden, was passiert vielleicht von alleine, hat aber was mit meinen Bedürfnissen zu tun? Und genau das kommt mir bei vielen Aussagen über Entwicklungstrauma zu kurz.
Wie bring ich das für mich zusammen?
Mein erster Gedanke kommt oft nicht von mir, in dem Sinn, dass ich ihn gewählt hätte. Prägung, Biologie, Trauma, das spielt immer mit rein. Aber der zweite Gedanke gehört mir. Und die Entscheidung, was ich mit dem ersten mache, die gehört mir auch.
Das Nervensystem ist ein gutes Erklärungsmodell, aber Erklärungen sind keine Freifahrtscheine. Vor allem sind sie keine Ausrede, mich nicht verändern zu müssen. Und gleichzeitig ist GFK kein Zauberstab und kein Allheilmittel. Veränderung und Entwicklung ist super schwierig, und nicht für jeden ist alles möglich. Einerseits, andererseits.
Ich hab da noch keine Weltformel gefunden, am Ende lande ich immer wieder bei Balance. Und vielleicht hab ich grade einfach den Eindruck, dass da was aus der Balance gerät, dass das Empowernde der GFK abgelöst wird von einer neuen Hilflosigkeit. Das fänd ich schade.
Zum Weiterlesen
Wenn dir der Kobold bekannt vorkommt: In Hilft GFK bei ADHS? geht es genau um die Frage, was die vier Schritte können, wenn das Gehirn anders verdrahtet ist, und ADHS und emotionale Dysregulation beschreibt die Momente, in denen es von null auf hundert geht. Wie du mit dir selbst ins Gespräch kommst, statt dich fertigzumachen, steht in Selbstempathie. Und falls dir die Wörter für das fehlen, was da grade in dir passiert, hilft Gefühle benennen weiter.
Markus Castro, CNVC-zertifizierter Trainer für Gewaltfreie Kommunikation, Impact Institut



