Was ist New Work, und woran scheitert es in der Praxis?

Gruppe sitzt aufmerksam bei Vortrag in modernem Büro-Café mit bunten Wimpeln und Smiley-Dekoration im Hintergrund.

New Work ist der Sammelbegriff für Arbeitsformen, die auf Selbstbestimmung, Sinn und geteilte Verantwortung setzen: flache Hierarchien, selbstorganisierte Teams, flexible Strukturen. Geprägt hat den Begriff der Sozialphilosoph Frithjof Bergmann in den 1980er Jahren, mit der Frage, welche Arbeit Menschen „wirklich, wirklich wollen“. Heute steht das Etikett auf fast allem, von der Vertrauensarbeitszeit bis zum Obstkorb, und genau deshalb lohnt der Blick auf den Kern: Wer entscheidet hier eigentlich was, und wie?

Der Teil, über den gern geredet wird

Strichfiguren in einer Besprechung

Die sichtbaren Zutaten von New Work sind schnell aufgezählt: Teams organisieren sich selbst, Führung versteht sich als Rahmengeber statt als Anweiser, Rollen ersetzen starre Stellenbeschreibungen, Arbeitszeit und Arbeitsort werden flexibler. Agile Führung heißt dann: Die Führungskraft trifft weniger Einzelentscheidungen und sorgt stattdessen dafür, dass das Team entscheiden kann.

Das klingt gut und ist auch gut. Nur steht in den meisten New-Work-Konzepten sehr viel über Werte, Haltung und Räume, und sehr wenig darüber, was am Dienstag um 14 Uhr passiert, wenn acht Leute vier Meinungen haben und bis 15 Uhr eine Entscheidung brauchen.

Die Lücke: Selbstorganisation ohne Entscheidungsverfahren

Hier ist die unbequeme Beobachtung aus unserer Arbeit mit Teams: New Work scheitert selten an den Werten, es scheitert an den Entscheidungen. Wer die Hierarchie herausnimmt, ohne ein Verfahren hineinzugeben, bekommt keine Selbstorganisation, er bekommt endlose Meetings. Vorher hat der Chef entschieden, das ging schnell und hatte einen klaren Verantwortlichen. Jetzt soll „das Team“ entscheiden, und das Team hat dafür genau ein Werkzeug aus der alten Welt: diskutieren, bis die Lautesten gewinnen oder alle erschöpft sind. Die informelle Hierarchie ersetzt die formale, nur ehrlicher war die alte.

Selbstorganisation ist kein Zustand, sie ist eine Menge von Vereinbarungen. Die wichtigste davon: Welche Art von Frage entscheiden wir mit welchem Verfahren?

Die Werkzeuge, die New Work wirklich braucht

Für den Alltag selbstorganisierter Teams reichen im Kern vier Verfahren, jedes mit einem klaren Einsatzgebiet:

  1. Delegieren. Eine Person oder Rolle entscheidet allein, hört vorher zu. Für alles Operative, was schnell gehen muss und wenig Tragweite hat. Auch in New-Work-Teams darf das die Mehrheit aller Entscheidungen sein.
  2. Konsent. Ein Vorschlag gilt, solange niemand einen schwerwiegenden, begründeten Einwand hat. Stammt aus der Soziokratie und trägt den laufenden Betrieb: schnell, revidierbar, gut für Regelungen und Rollenbesetzungen.
  3. Systemisches Konsensieren. Jede Person bewertet jede Option mit null bis zehn Widerstandspunkten, umgesetzt wird die Option mit dem geringsten Gesamtwiderstand. Stark, wenn mehrere Optionen auf dem Tisch liegen, Interessen gemischt sind oder ein Thema Zündstoff hat.
  4. Mehrheitsentscheid. Für formale Wahlen und große Gruppen. Im Teamalltag erzeugt er Gewinner und Verlierer, und Verlierer arbeiten nach.

Der Punkt ist die Zuordnung, vorher vereinbart statt im Konfliktfall improvisiert. Ein Team, das weiß, dass Terminfragen delegiert sind, Regelungen im Konsent laufen und die Jahresplanung konsensiert wird, verbringt seine Meetings mit Inhalten statt mit Verfahrensstreit.

Woran du merkst, dass es bei euch die Entscheidungslücke ist

Drei Symptome tauchen in fast jedem Team auf, das New Work eingeführt hat, ohne die Entscheidungsfrage zu klären: Dieselben Themen kommen in jedem Meeting wieder, weil nie jemand festhält, was beschlossen wurde und von wem. Entscheidungen fallen im Flur, nachdem das Meeting keine gebracht hat. Und die Erfahrenen oder Lauten setzen sich durch, während die Stillen innerlich kündigen, was vorher Hierarchie hieß und jetzt Gruppendynamik.

Wenn dir das bekannt vorkommt, ist die gute Nachricht: Das ist kein Kulturproblem, das Jahre der Transformation braucht. Es ist ein Handwerksproblem, und Handwerk ist lernbar.

Zum Weiterlesen

Die vier Verfahren im direkten Vergleich, mit einem durchgespielten Beispiel, findest du in Konsens, Konsent, Konsensieren: was ist der Unterschied?. Wie das Messen von Widerstand statt Zustimmung genau funktioniert, erklärt Was ist Systemisches Konsensieren?. Warum die klassische Abstimmung im Teamalltag so oft Schaden anrichtet, steht in Welche Alternativen zum Mehrheitsentscheid gibt es?, und den Einstieg über die Meeting-Praxis nimmt Wie treffen wir Entscheidungen im Team ohne endlose Diskussion?.

Wenn euer Team gerade mitten in dieser Lücke steckt: In unseren Angeboten für Teams und Organisationen üben wir Entscheidungsverfahren direkt an euren echten Fragen.

Markus Castro, Kommunikationstrainer (CNVC-zertifiziert), Impact Institut

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