Was sind die 9 Eskalationsstufen nach Glasl?

Zwei Menschen stehen auf unterschiedlichen Treppenstufen und entfernen sich voneinander.

Der Konfliktforscher Friedrich Glasl beschreibt, wie Konflikte in neun Stufen eskalieren, gebündelt in drei Phasen: In der ersten können noch beide gewinnen (win-win), in der zweiten geht es um Sieg oder Niederlage (win-lose), in der dritten nehmen beide eigenen Schaden in Kauf, Hauptsache der andere verliert auch (lose-lose). Der praktische Wert des Modells: Es sagt dir, welche Art von Hilfe auf welcher Stufe noch trägt.

Das Modell in einem Absatz

Glasl denkt Eskalation als Treppe abwärts: Mit jeder Stufe verlieren die Beteiligten Handlungsmöglichkeiten, und was ein paar Stufen früher noch als Ausweg erreichbar war, ist weiter unten naiv. Die neun Stufen tragen bei Glasl eigene Namen. Hier die kompakte Übersicht:

  1. Verhärtung
  2. Debatte und Polemik
  3. Taten statt Worte
  4. Images und Koalitionen
  5. Gesichtsverlust
  6. Drohstrategien
  7. Begrenzte Vernichtungsschläge
  8. Zersplitterung
  9. Gemeinsam in den Abgrund

Für den Alltag reicht die Phasenlogik, und die zeige ich dir an einem Streit, wie er in jedem Büro laufen könnte. Die zwei Beteiligten sind erfunden, der Ablauf dürfte dir trotzdem bekannt vorkommen: Nennen wir sie Nadine und Tobias, beide teilen sich die Verantwortung für ein Projekt.

Phase 1: Es geht noch um die Sache (Stufen 1 bis 3)

Am Anfang steht eine Meinungsverschiedenheit, die sich verhärtet. Nadine sagt: „Kannst du Änderungen am Plan bitte erst mit mir abstimmen? Ich hab’s jetzt zweimal über den Flurfunk erfahren.“ Tobias erklärt seine Sicht, beide wiederholen ihre Standpunkte, mit jeder Runde etwas grundsätzlicher. Aus dem Klären wird ein Rechthaben-Wettbewerb, gern mit Publikum: Im Meeting sagt Tobias vor allen: „Wenn wir auf jede Abstimmungsrunde von Nadine warten, liefern wir nie.“ Irgendwann redet man weniger und handelt mehr, jeder schafft Fakten. Tobias stellt den Plan um, ohne zu fragen, Nadine setzt seine Änderungen kommentarlos zurück.

In dieser Phase können noch beide gewinnen, und genau hier trägt das, was die GFK stark macht: hinhören, welches Anliegen hinter der Position des anderen steckt (Verlässlichkeit bei ihr, Tempo bei ihm), und direkt miteinander reden. Ein vorbereitetes Zweiergespräch reicht oft. Wie du es aufbaust, steht in Wie führe ich ein schwieriges Gespräch?, und für den Kollegenfall in Wie spreche ich einen Konflikt im Team an?.

Phase 2: Es geht um Sieg (Stufen 4 bis 6)

Jetzt sucht jeder Verbündete. Nadine in der Kaffeeküche: „Du hast ja gesehen, wie er mich im Meeting hat auflaufen lassen. Der zieht das Projekt komplett an sich, sag ich dir.“ Aus dem Gegenüber wird ein Gegner mit festem Bild, und wer ein Bild vom anderen hat, hört nur noch, was hineinpasst. Es folgen öffentliche Spitzen, bei denen der andere das Gesicht verliert, und schließlich Drohungen: „Wenn das so weitergeht, geht das zur Bereichsleitung.“

Ab hier steht Empathie unter Taktikverdacht: Ein verständnisvoller Satz von Nadine käme bei Tobias als Manöver an, und umgekehrt. Deshalb ist in dieser Phase Struktur wichtiger als Formulierungskunst: eine dritte Person, die das Gespräch führt und beide Seiten vollständig hört, feste Regeln, Vereinbarungen mit Termin. Das kann die Führungskraft sein oder eine Moderatorin, solange sie selbst keine Partei ist. Wer hier noch darauf setzt, dass die beiden das empathisch unter vier Augen regeln, verwechselt Hoffnung mit Strategie.

Phase 3: Es geht um Schaden (Stufen 7 bis 9)

In der letzten Phase ist der eigene Verlust eingepreist. Tobias, im kleinen Kreis: „Dann fahren wir das Projekt halt gegen die Wand. Dann sieht endlich jeder, was sie angerichtet hat.“ Sachargumente sind ab jetzt nur noch Munition, und im Einsatz stehen zwei Karrieren, ein Projekt und der Frieden einer ganzen Abteilung. Das ist kein Fall mehr für Kommunikationstipps und auch keiner für die Führungskraft allein: Hierher gehören professionelle Vermittlung oder eine Machtentscheidung von oben, manchmal beides, bis hin zur Trennung von Aufgaben oder Personen.

Was dir das Modell praktisch bringt

Der Nutzen liegt in der Verortung, und dort sitzt auch die häufigste Fehlanwendung: das Modell als Diagnose-Etikett für die Gegenseite. Von innen fühlt sich die eigene Eskalation nämlich immer wie Reaktion an. Nadine würde sagen, sie wehrt sich nur, Tobias würde dasselbe sagen, und beide verorten sich damit verlässlich ein, zwei Stufen harmloser, als eine Außenstehende es täte. Frag dich deshalb weniger, auf welcher Stufe der andere steht, und mehr: Reden wir noch direkt miteinander? Suche ich schon Verbündete? Habe ich schon gedroht? Die Antworten zeigen die Phase, und die Phase bestimmt das Werkzeug: In Phase 1 hilft alles, was Selbstregulation und Sprache hergeben. Ab Phase 2 braucht es Dritte und Struktur. In Phase 3 braucht es Profis.

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Was auf den frühen Stufen konkret hilft, von der Selbstregulation bis zur Sprache, die kühlt, ordnet der Überblick Deeskalation. Den ersten Schritt in Phase 1, das Ansprechen unter Kollegen, führt Wie spreche ich einen Konflikt im Team an? aus, die Vorbereitung des Zweiergesprächs Wie führe ich ein schwieriges Gespräch?. Und wenn du als Führungskraft entscheiden musst, ab wann du eingreifst, hilft der Entscheidungsbaum in Konflikte im Team lösen.

Markus Castro, CNVC-zertifizierter Trainer für Gewaltfreie Kommunikation, Impact Institut

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