Empathisch zuhören heißt in der Gewaltfreien Kommunikation: Du richtest deine Aufmerksamkeit auf die Gefühle und Bedürfnisse hinter dem, was jemand sagt. Ratschläge, Bewertungen und eigene Geschichten stellst du so lange zurück. Die Frage, die dich dabei leitet: Was fühlt diese Person gerade, und was braucht sie? Auf den Inhalt kannst du später immer noch eingehen. Meistens ist er gar nicht der Punkt.
Klingt einfach, wird aber spätestens in dem Moment schwer, wo dich deine Partnerin anfährt oder dein Kollege sich zehn Minuten über Nichtigkeiten aufregt. Deshalb der Reihe nach: was dich am Zuhören hindert, und wie es Schritt für Schritt anders geht.
Was dich am Zuhören hindert
Die meisten Zuhör-Fehler sind gut gemeint. Der Psychologe Thomas Gordon hat zwölf Kommunikationssperren beschrieben, Befehlen und Beschämen gehören dazu, aber auch drei Klassiker, die sich wie Zuwendung anfühlen:
- Trösten. „Das wird schon wieder.“ Klingt erstmal warm, heißt aber übersetzt: Jetzt hör bitte auf zu weinen.
- Ratschläge geben. „Du müsstest einfach mal…“ Damit verschiebst du den Fokus von ihrem Problem zu deiner Lösung.
- Nachforschen. „Wann war das? Was hast du dann gesagt?“ Sammelt Fakten und lässt dein Gegenüber mit dem Gefühl alleine stehen.
Trösten ist oft die höflichste Art, jemandem das Wort abzuschneiden. Wer sofort tröstet, will häufig die eigene Hilflosigkeit loswerden, und das kommt beim Gegenüber auch an. Ich konnte das jahrelang aus nächster Nähe beobachten, wenn ich mit meinem Sohn auf den Spielplatz saß. Hat sich ein Kind mal wehgetan, haben die meisten Eltern versucht, es abzulenken oder halt zu trösten. Das konnte auch mal ne halbe Stunde dauern. Wenn ich das Aua einfach anerkannt hab, hat Milan es nach paar Minuten loslassen können. „Oh mann, das tut ganz schön weh, hm?“
Die stärkste Sperre arbeitet allerdings von innen. In der GFK gibt es dafür als Symbol verschiedene Ohren. Das Wolfs-Ohr hört einen Angriff und arbeitet nach dem Motto: „Während du redest, sammle ich Stoff für einen Gegenangriff.“ Das Giraffen-Ohr hört dieselben Worte mit einer anderen Haltung: „Ich bin aufrichtig daran interessiert zu erfahren, wie es dir geht, was du fühlst, was du brauchst.“ Das ist die vielbeschworene Haltung der GFK. Sichtbar wird sie dann an den Worten, die wir wählen.
Empathisch zuhören in vier Schritten
- Pause. Bevor du irgendetwas sagst: ein Atemzug innehalten. Wenn du merkst, dass du innerlich schon dein nächstes Argument sortierst, bist du beim Rechthaben und hörst nicht mehr. Kurze Selbstempathie hilft: Was ist bei mir gerade los, was brauche ich? Erst wenn da halbwegs Ruhe ist, hast du Kapazität für den anderen.
- Gefühl vermuten. Hinter „Nie räumst du die Spülmaschine aus“ steckt selten eine Meinung über Geschirr. Frag dich: Ist sie wütend? Oder eher erschöpft?
- Bedürfnis vermuten. Hinter dem Gefühl steht ein Bedürfnis, zum Beispiel Unterstützung oder Verlässlichkeit. Du musst nicht richtig liegen. Du musst ernsthaft suchen, das ist der Unterschied, den man hört.
- Spiegeln. Gib als Frage zurück, was du verstanden hast: „Bist du gerade frustriert, weil du dir mehr Unterstützung im Haushalt wünschst?“
Die Verbindungsbitte: woran du merkst, ob du richtig liegst
Der vierte Schritt hat in der GFK einen Namen: Verbindungsbitte. Die Grundform: „Habe ich richtig verstanden, dass dir… wichtig ist?“ Sie funktioniert, weil sie dem Gegenüber das Antworten leicht macht. Je klarer du sagst, was du gehört hast, umso leichter fällt die Antwort.
Wenn deine Vermutung stimmt, merkst du es körperlich: Das Tempo geht raus, die Schultern sinken, oft kommt ein gedehntes „Ja, genau“. Wenn sie falsch war, korrigiert dich die Person, und auch das ist ein Gewinn, denn jetzt redet ihr über das, worum es wirklich geht, und nicht mehr über die Spülmaschine.
Mini-Übung: Nimm dir für heute ein einziges Gespräch vor. Deine einzige Aufgabe darin: einmal spiegeln, bevor du irgendetwas Eigenes sagst. Ok vielleicht zweimal.
Der typische Fehler: Empathie als Verhör
Wer empathisches Zuhören frisch gelernt hat, macht daraus gern eine Befragung: „Und was fühlst du dabei? Welches Bedürfnis steckt dahinter? Aber warum hast du dann nichts gesagt?“ Spätestens beim zweiten Warum ist aus Empathie ein Verhör geworden, und dein Gegenüber macht zu.
Wenn ich meiner Frau zuhöre ist das der beste Test für meinen eigenen Stress. Diese Art von Verhör passiert mir, wenn ich genervt und gestresst und müde bin, und eigentlich gar keine Lust mehr auf zuhören habe, weil ich das den ganzen Tag schon gemacht hab. Aber ich merk meine Grenzen nicht, „klar kann ich dir zuhören“, und ne halbe Stunde später darf ich auf dem Sofa schlafen.
Ob deine Frage als Empathie oder als Verhör ankommt, entscheidet deine Absicht: Willst du gerade verstehen, oder sammelst du Material? Das ist wieder die Wahl zwischen den beiden Ohren, und dein Gegenüber spürt sie, bevor du den Satz zu Ende gesprochen hast. Aber das braucht auch die Kapazität bei dir. Empathisch zuhören ist keine Dauerpflicht. Es gibt Tage, an denen du selbst zu leer dafür bist. Dann ist „Ich kann dir gerade nicht zuhören, ich bin selbst am Anschlag“ die ehrlichere Antwort, und der GFK näher als ein gespieltes Giraffen-Ohr.
Wo Zuhören ohne eigene Grenze zur Dauerpflicht wird, beginnt die Retter-Rolle; wie du sie früh bemerkst, liest du im Artikel über das Drama-Dreieck.
Zum Mitnehmen
Flipchart: die vier Arten zu hören
Das Flipchart zu Wolfs-Ohr und Giraffen-Ohr als PDF. Es zeigt die vier Arten, einen Vorwurf zu hören, damit du im Gespräch merkst, welches Ohr du gerade aufhast.
Zum Weiterlesen
Was Empathie in der GFK überhaupt meint, samt der zwölf Kommunikationssperren, steht im Grundlagenartikel Was ist Empathie in der GFK?. Der erwähnte erste Schritt vor jedem Zuhören hat einen eigenen Text: Selbstempathie. Beim Vermuten helfen dir die Artikel über Bedürfnisse und die Beobachtung ohne Bewertung, und wie du nach dem Spiegeln zu einer echten Bitte kommst, steht dort.
Zuhören lernst du am Ende nur im Gespräch. Wenn du das einmal mit Anleitung probieren willst: Unser GFK Erlebnis-Webinar (90 Minuten) ist kostenlos.
Markus Castro, CNVC-zertifizierter Trainer für Gewaltfreie Kommunikation, Impact Institut


