Wenn „wie fühlst du dich?“ die falsche Frage ist: GFK und Neurodivergenz

Ich sitze in einem Seminar, die Trainerin fragt in die Runde: „Und, wie fühlst du dich gerade damit?“ Die Frau neben mir wird kleiner. Sie sagt irgendwann leise „gut, glaub ich“ und man merkt, das war geraten. In der Pause erzählt sie mir, dass sie diese Frage hasst, seit der Schule, weil sie da einfach nichts findet. Nur so ein diffuses Rauschen und die Angst, gleich wieder als verschlossen zu gelten.

Ich kenne das gut genug, um nicht klug daherzureden. Mein eigenes Gehirn ist auch nicht so gebaut, dass Gefühle da fein säuberlich beschriftet in Schubladen liegen. Und trotzdem baut die Gewaltfreie Kommunikation, so wie sie meistens gelehrt wird, genau auf dieser einen Annahme auf: Du spürst rein, findest das Gefühl, benennst es, und der Rest ergibt sich. Für viele funktioniert das. Für manche neurodivergente Gehirne ist genau dieser erste Schritt schon die Wand.

Was Alexithymie mit GFK zu tun hat

Es gibt einen Namen dafür, wenn dir das Benennen von Gefühlen schwerfällt: Alexithymie. Kein Krankheitsbild, eher eine Art, wie ein Nervensystem verdrahtet ist. Die Körperempfindung ist da, das Herz klopft, der Bauch zieht sich zusammen, aber die Brücke von der Empfindung zum Wort ist dünn oder fehlt streckenweise ganz. Unter ADHS-Erwachsenen ist das verbreitet, bei autistischen Menschen noch deutlich häufiger.

Wenn du so gestrickt bist, ist „spür mal rein, was ist da?“ keine Einladung. Es ist eine Prüfung, die du schon oft nicht bestanden hast, und Prüfungsangst macht noch weniger zugänglich. Der Zugang, den die GFK als den leichten verkauft, ist für dich der schwerste Teil. Da hilft es nichts, die Gefühlsliste noch einmal langsamer vorzulesen.

Ich sag das als jemand, der GFK unterrichtet und trotzdem findet: An der Stelle ist die Methode nicht für jedes Gehirn im selben Zugang gebaut. Das ist keine Anklage, Marshall Rosenberg hat ein Werkzeug für Verbindung entworfen, kein neurologisches Universalmodell. Aber wenn wir so tun, als gäbe es nur die eine Tür, dann stehen ein paar Leute draußen und halten sich selbst für zu blöd zum Reingehen.

Der Beweis: bei dir kommt das Wort später, nicht gar nicht

Woran erkennst du, dass es diese Verdrahtung ist und nicht bloß Übungssache? Frag dich, wann das Gefühl bei dir ankommt. Oft ist es so: im Moment selbst nichts, nur Anspannung. Und dann, drei Stunden später unter der Dusche, kommt es plötzlich klar. „Ach, verletzt war ich. Und ganz schön wütend.“ Das Gefühl ist also da, es meldet sich nur nicht auf Zuruf.

Wenn dir mitten im Streit kein Gefühlswort einfällt, heißt das darum nicht, dass du keins hast. Dein System braucht länger für die Übersetzung. Eine GFK, die im Hier und Jetzt ein sauber benanntes Gefühl von dir verlangt, verwechselt Langsamkeit mit Leere.

Der Teil der GFK, der auch für dich trägt

Jetzt kommt die gute Nachricht, und die ist überraschend groß. Das Herzstück der GFK ist nämlich gar nicht das Gefühlsvokabular. Das Herzstück ist die Frage nach dem Bedürfnis. Und Bedürfnisse lassen sich auch dann finden, wenn dir das Gefühl entwischt.

In der GFK unterscheiden wir zwischen einer Strategie und dem Bedürfnis darunter. Die Strategie ist der konkrete Weg, den du gerade willst. Das Bedürfnis ist das, worum es dir im Kern geht. Ein Beispiel: „Ich will, dass mein Kollege mir endlich rechtzeitig Bescheid gibt“, das ist eine Strategie. Das Bedürfnis dahinter ist Verlässlichkeit, oder Planbarkeit. Und diese Unterscheidung kannst du über Denken und über Beobachten treffen. Du musst dafür nicht in dich hineinspüren, du kannst es dir herleiten.

Das ist für viele neurodivergente Menschen ein ganz anderer Türgriff. Statt „was fühle ich“ reichen zwei nüchterne Fragen, die dein Kopf beantworten kann:

  • Was war eigentlich los? Die reine Beobachtung, ohne Bewertung. Was ist passiert, was wurde gesagt, was hast du getan. So konkret wie ein Kameramitschnitt.
  • Was hätte ich in dem Moment gebraucht? Ruhe, Klarheit, Respekt, Zeit für mich. Also das, was gefehlt hat, ganz ohne den Umweg über ein Gefühlswort.

Taucht dabei doch ein Gefühlswort auf, super, nimm es mit. Wenn nicht, ist es kein Beinbruch. Du kommst über „was war los, was brauchte ich“ an fast denselben Ort, nur durch eine andere Tür. Wer beim klassischen Weg steckenbleibt, findet hier oft zum ersten Mal einen Zugang.

Wo die Grenze ehrlich sein muss

Eine Sache gehört dazu, sonst mach ich denselben Fehler wie die Skype-Trainer, die alles in neunzig Minuten auflösen. Wenn hinter der Schwierigkeit etwas Tieferes steckt, ein Nervensystem, das bei jeder wahrgenommenen Ablehnung Alarm schlägt, alte Verletzungen, echte Überwältigung, dann ist ein GFK-Wochenendseminar dafür der falsche Ort. Auch wenn es sich manchmal anders anfühlt, weil da endlich jemand zuhört. Für die tiefen Sachen braucht es Sicherheit, ein langsames Tempo und meistens Fachleute, die dafür ausgebildet sind. GFK ist ein Alltagswerkzeug, keine Therapie. Diese Grenze ehrlich zu ziehen gehört für mich zur Methode.

Und damit hier keine neue Norm entsteht: Du musst diesen Umweg nicht nehmen, um GFK „richtig“ zu machen. Fällt dir das Benennen leicht, prima. Wenn nicht, ist der Bedürfnis-Weg kein Trostpreis für die, die es nicht draufhaben. Er ist schlicht ein zweiter Eingang ins selbe Haus.

Was ich Trainer:innen mitgeben würde

Falls du GFK weitergibst: Wenn jemand nach dem Gefühl sucht und nichts findet, ist das eine Information über seine Verdrahtung, kein Zeichen von Widerstand. Bau die zweite Tür gleich mit ein, „was war da los, und was hättest du gebraucht?“, da scheitert niemand dran. Der Unterschied entscheidet oft darüber, ob dieser Mensch wiederkommt oder sich für ungeeignet hält.

Zum Nachschlagen

Gefühls- und Bedürfnisliste in einem PDF

Beide GFK-Listen in einem PDF, Gefühlsvokabeln und Bedürfnisse zum Nachschlagen. Wenn dir im Moment kein Gefühlswort kommt, geh direkt zur Bedürfnisliste, das ist die zweite Tür aus diesem Artikel.

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Zum Weiterlesen

Wie der klassische Weg über die Gefühle geht, für die, denen er liegt, steht in Wie benenne ich meine Gefühle?, und warum manche Worte wie „übergangen“ gar keine echten Gefühle sind, klärt Was sind Pseudogefühle? Der Umweg, den dieser Text vorschlägt, hängt ganz an der Frage aus Bedürfnis oder Strategie: was ist der Unterschied?, und wenn du wissen willst, was Empathie in der GFK überhaupt meint, bevor es ans Vokabular geht, lies Was ist Empathie in der GFK? Wo GFK für ADHS-Gehirne wirklich etwas bringt und wo sie an Grenzen stößt, sammelt der Überblick Hilft GFK bei ADHS?

Wenn du das mal angeleitet ausprobieren willst statt allein mit dem Text: Unser kostenloses GFK Erlebnis-Webinar ist ein guter, druckfreier Ort dafür.

Markus Castro, CNVC-zertifizierter Trainer für Gewaltfreie Kommunikation, Impact Institut

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